Lionel Shriver - Wir müssen über Kevin reden

Originaltitel: We need to talk about Kevin
Roman. List Verlag 2006
560 Seiten, ISBN: 3548282253

Wir lesen hier einen Briefroman - Briefe, die Eva an ihren abwesenden Ehemann Franklin schreibt. Soviel kriegt man gleich zu Beginn mit. Sie schildert ihm ihr jetziges Leben, nicht mehr im ehemaligen gemeinsamen Luxusanwesen, sondern in einer abgewohnten Bruchbude; nicht mehr als Leiterin eines eigenen Unternehmens, sondern als einfache Angestellte in einem Reisebüro. Aber sie ist immer noch im alten Viertel ansäßig, in dem sie auch schon als Familie lebten. Als Familie - bis zu jenem Donnerstag im April, als ihr fast sechzehnjähriger Sohn Kevin seine Armbrust nahm und auf 10 ausgewählte Mitschüler und eine Lehrerin schoss.

Eva lebt nun alleine. Isoliert nicht nur von ihrer Familie, sondern auch vom früheren sozialen Umfeld, stigmatisiert, ihre Routine nur unterbrochen durch die vierzehntätigen Besuch ein der Haftanstalt, in der ihr Sohn festgehalten wird. Und so beginnt sie, sich von der Seele zu schreiben, wie das alles eigentlich begann mit Kevin.

Wie sie erstmal überhaupt auf die Idee kamen, dass sie ihre Liebe, ihr Leben durch ein Kind erweitern könnten. Welche Zweifel und Ängste sie dennoch plagten. Wie das war, als das Kind, jener Kevin, dann zur Welt kam - die Enttäuschung, weil sich die erwarteten großen Gefühle nicht automatisch einstellten. Die Entfremdung, die zwischen Franklin und ihr schon an diesem Punkt begann. Die unterschiedliche Einstellung zu diesem Sohn, der für Franklin von Beginn an eine Erfüllung war, während sie selbst keine rechte Bindung zu ihm aufbauen konnte. Die Differenzen, die sich zwischen den Eheleuten ergeben, weil jede Kritik an Kevin von Franklin zurückgewiesen und nicht verstanden wird.

Stück für Stück erleben wir mit, wie dieses hochintelligente Kind sich entwickelt; wie es bereits früh in der Lage ist, zu manipulieren, wie der Junge Mutter und Babysitter durch sein Geschrei terrorisiert, beim Vater aber ruhig und friedlich bleibt. Wie er sich noch als Sechsjähriger weigert, die Toilette zu benutzen. Wie sie aus den Spielgruppen der Nachbarschaft ausgeschlossen werden. Und so, langsam, aber immer beklemmender, erleben wir auch mit, wie dieses Kind es aber trotzdem schafft, sich seine Nische zu schaffen, um nicht auffällig genug zu werden. Denn es ist eine Zeit, in der immer wieder von Highschool-Massakern im Fernsehen berichtet wird...

Mich hat dieses Buch unheimlich berührt. Dabei war es für mich weniger der Aspekt, über den Umweg der Mutter eine Entwicklungsgeschichte eines Mörders zu lesen, sondern viel mehr, was sie über den Alltag davor schreibt und vor allem: WIE sie es schreibt. Mich hat fasziniert, mit wieviel Gespür für psychologische Details diese Autorin in der Lage war, über Erwartungshaltung, Enttäuschung, alltägliches Nebeneinander, das Unvermögen, wirklich miteinander zu reden, wie sie diese ganzen Punkte so unheimlich authentisch und nach-fühl-bar zu beschreiben.

Dann auch die Fragestellung: was mache ich wirklich mit einem Kind, das so "anders" ist? Das mir, der Mutter, schon von klein auf bösartig vorkommt? Bei dem ich das Gefühl habe, es nicht erreichen zu können? Was kann ich tun, wenn mein Partner meine Argumente nicht ernst nimmt, sein Blick ein gänzlich anderer, durchaus auch verstellter ist? Was bedeutet bedingungslose Elternliebe? Wie kritisch soll und kann ich mein Kind betrachten?

Ich war in einem wahren Lesesog - und das, obwohl ich das Ende der Geschichte ja schon kannte, weil ich es mir von einer Freundin hatte erzählen lassen. Dieser Schocker kommt erst auf den letzten Seiten, sei daher hier nicht erwähnt; aber für mich war das zusätzlich noch ein Grund, das handwerkliche Geschick der Autorin zu würdigen. Von Anfang an wird auf dieses Ende hingearbeitet, es gibt genügend kleine Szenen, die sich immer mehr verdichten, auch die Einführung von Personen geschieht überaus geschickt. Der Wechsel zwischen Rückblenden und dem Alltag nach jenem Donnerstag sind ebenfalls dramaturgisch ausgezeichnet ausgeführt.

Ja, ich war von dem Buch schwer begeistert und empfehle es aus ganzem Herzen weiter. Ich empfehle es vor allem auch denjenigen weiter, die sich vom Gedanken an "was interessiert mich ein Highschool-Mörder" abschrecken lassen (das war ursprünglich auch mein Gedanke, ich hatte eigentlich erst nicht vor, das Buch zu lesen) - es lohnt sich trotzdem. Für mich standen allerdings andere Aspekte im Vordergrund, die mich das Buch haben wertschätzen lassen.

Lionel Shriver

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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