Pat Barker - Double Vision

Originaltitel: Double Vision
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2004
306 Seiten, ISBN: 0140270752

Gewalt, Krieg, Destruktion - unser Leben ist davon beherrscht, in den Nachrichten sieht man kaum etwas anderes. Aber wie wird es präsentiert, wie wirkt es auf die Menschen, die uns diese Bilder übermitteln?

Ben Frobisher, Kriegsfotograf, hatte in den Zeiten zwischen seinen Reisen in krisengeschüttelte Regionen Landschaften fotografiert, sich in sein einsam gelegenes Landhaus zurückgezogen. Doch nun ist er tot - von einem Heckenschützen erschossen, als er in Afghanistan verrottende russische Panzer fotografieren wollte. Seine Frau Kate lebt nun alleine hier und versucht, sich durch intensive Arbeit von ihrer Trauer abzulenken.

Doch dann hat sie einen schweren Autounfall; sie kann sich kaum noch bewegen, als sie endlich wieder aus dem Krankenhaus entlassen wird, geschweige denn ist sie in der Lage, die schwere körperliche Arbeit als Bildhauerin alleine durchzuführen. Der Abgabetermin für ihre aktuelle Arbeit, eine Christusfigur, ist aber bereits in Kürze, und so lässt sie sich darauf ein, einen Assistenten anzuheuern. Ihr guter Freund Alec, ein Vikar am Ort, empfiehlt ihr Peter, der bereits den Pfarrgarten im Sommer betreut hatte.

Stephen Sharky war der erste, der Ben nach dem Todesschuss gesehen hatte. Er hatte dessen Amulett an sich genommen, die Kamera, und sie der Witwe geschickt; er kannte Ben seit vielen Jahren, gemeinsam waren sie in Bosnien gewesen, in New York, dann auch in Afghanistan - und es war nicht zuletzt Bens Tod, der für Stephen den Entschluss brachte, nicht weiter als Krisenreporter zu arbeiten, sondern ein Buch zu schreiben über die Macht der Bilder, mit denen diese Kriege uns übermittelt werden.

Da außerdem auch noch seine Ehe in die Brüche gegangen war, die Scheidung eingereicht und er aus dem Haus ausgezogen war, nimmt er das Angebot seines Bruders gerne an, dessen Cottage für einige Zeit in Anspruch zu nehmen um dort an seinem Buch zu arbeiten. Und da dieses Cottage ganz in der Nähe des Anwesens der Frobishers liegt, beabsichtigt er, auch dort vorbeizukommen.

Doch erst versucht er, sich einzuleben, mit seinem Buch voranzukommen, sich mit seinem Bruder und der ewigen Geschwisterrivalität klarzukommen, und die nächtlich wiederkehrenden Alpträume verschwinden zu lassen.

Wer ihm dabei überraschenderweise hilft ist Justine, das Aupair seines Bruders; wider besseres Wissen lässt er sich auf eine Affäre mit dem so viel jüngeren Mädchen ein, die in ihren Beobachtungen jedoch manchmal uralt erscheint.

Soweit der vorbereitete Spannungsbogen. Nun erwartet man als Leser, dass etwas geschieht - dass die beiden Handlungsstränge zusammengeführt werden, dass sich das eigentliche Thema des Romans klarer herausschält, dass man die Absicht der Autorin zu verstehen beginnt.

Doch leider wird die Lesererwartung hier getäuscht. Zwar kreuzen sich Kates und Stephens Wege jetzt tatsächlich, und es passiert auch in ihrer beider Leben etwas - aber statt die Handlung dadurch zu fokussieren, wird sie nur noch zerfaserter und steuert immer weniger einem Ziel zu.

Das mag jetzt als Beschreibung sehr negativ klingen; wenn man rein die technische Seite des Romanaufbaus betrachtet ist es das vielleicht auch. Und trotzdem konnte ich dieses Buch kaum aus der Hand legen; Pat Barker hat hier in sehr vielen beiläufigen Szenen viel Nachdenkenswertes geschildert.

Sie schreibt von der Einsamkeit nach einem großen Verlust, von den Ritualen, mit denen wir dieser Abwesenheit Herr zu werden versuchen. Sie schreibt davon, wie wir geneigt sind, Bildern zu vertrauen, und wie oft wir dadurch getäuscht werden, weil wir die Geschichten dahinter nicht wirklich kennen können. Sie schreibt vom moralischen Dilema, einerseits dem Informationsbedürfnis einer Demokratie zu folgen, dem aber die entwürdigende Darstellung von Menschen in ihren Qualen gegenübersteht. Sie schreibt von Vorurteilen, Misstrauen, von Angst und wie man ihr gegenübertreten kann.

Ich bin bereits gespannt, welche Kommentare ich nächsten Mittwoch bei einer für mich neuen Lesegruppe dazu hören werde...

Pat Barker

Pat Barker wurde 1943 in Thornaby-on-Tees geboren. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie, studierte an der London School of Economics und unterrichtete Geschichte und Politik. Ihr erster Roman wurde unter dem Titel „Stanley und Iris“ verfilmt. Berühmt wurde sie mit ihrer Trilogie über den ersten Weltkrieg, die ua mit dem Booker Prize und dem Guardian Fiction Prize ausgezeichnet wurde.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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