Philip Roth - Verschwörung gegen Amerika

Originaltitel: The Plot against America
Roman. Hanser Literatur Verlag 2005
432 Seiten, ISBN: 3446206620

Im Juni 1940 führen die Roths noch ein glückliches Leben in Newark. In ihrem Viertel leben hauptsächlich Juden, wie sie selbst, der Zusammenhalt der Gemeinde ist groß. Sandy, Philips älterer Bruder, ist ein talentierter Zeichner, Philip selbst stolz auf seine Briefmarkensammlung, die Mutter glücklich in ihrem Hausfrauendasein, und der Vater verdient als Versicherungsvertreter zwar nicht viel Geld, aber doch genug, um die Familie über Wasser zu halten.

Man ist mit seiner Arbeit zufrieden; es wird ihm sogar ein Aufstieg angeboten, der allerdings mit einem Umzug verbunden wäre. Nach einem kurzen Ausflug in die betreffende Stadt, in der kaum Juden leben, dafür aber der deutsch-amerikanische Bund sehr stark ist,entscheidet er sich dagegen.

Dann, 1940, wird dieses ruhige Leben durch die Politik getrübt. Natürlich hatten in der Familie immer schon hitzige Debatten am Essenstisch stattgefunden, war das Geschehen in Europa, in Deutschland mit viel Sorge verfolgt worden. Wann endlich, so die Einstellung, greift Amerika endlich ein und macht der Judenverfolgung in Deutschland ein Ende?

1940 gibt es Neuwahlen. Und zum Entsetzen der Familie wird statt Roosevelt Charles Lindbergh zum Präsidenten gewählt, der schon in seinem Wahlkampf mehr als deutlich gemacht hatte, dass es keinen Krieg gegen Deutschland geben würde, sollte er an die Macht kommen. Kein Wunder; schließlich war Lindbergh erst vor wenigen Jahren von den Nazis mit einem Orden ausgezeichnet worden und hatte sich durchaus auch als Antisemit zu erkennen gegeben.

So offen wie zuvor trägt Lindbergh seinen Antisemitismus nun allerdings nicht mehr vor sich her; offziell wir das Gespräch gesucht, werden Institutionen aus dem Boden gestampft, die der Integration der Juden dienen sollen.

Dennoch - die Repressionen wachsen, die Roths merken das immer mehr. Aber auch in ihrer Familie ist man sich nicht einig; eine Tante ist ganz offen fasziniert von Lindbergh, und der Empfang, der anlässlich des Besuchs des deutschen Außenministers gegeben wird, ein Höhepunkt in ihrem Leben.
Auch Sandy ist, nach einem Landverschickungsprogramm und damit verbundenen Aufenthalt in Kentucky, davon überzeugt, dass die in seiner Familie verbreitete Panik grundlos ist.

Doch die SItuation spitzt sich immer mehr zu - es kommt zu Übergriffen auf die Juden in Denver, zu bürgerkriegsähnlichen Situationen, auf deren Höhepunkt Lindbergh verschwindet...

Was wäre geschehen, wenn? ist ein immer wieder spannender Ausgangspunkt von Überlegungen, speziell natürlich auch in der Literatur.

Roth hat in seinem Roman versucht darzustellen, wie sich seine Familie wohl verhalten hätte, wäre in Amerika ein antisemitischer Politiker an die Macht gekommen; er verwendet reale historische Figuren und schreibt mit ihnen die Geschichte für den Zeitraum von zwei Jahren um, um danach wieder ins bekannte historische Schema einzuschwenken.

Den überwiegenden Teil des Buchs nimmt dann auch die Präsentation dieser neuen politischen / geschichtlichen Rahmenbedingung ein; Roth wird nicht müde, "seine" Geschichte durch Radioreden, Zahlen, Fakten zu untermauern, und vernachlässigt dabei ganz massiv seine eigentliche Stärke: Geschichten zu erzählen.

Die Familie Roth, obwohl Ausgangspunkt des Romans, bleibt doch nur Staffage. Keiner der Protagonisten wird in seinen Handlungen, seinen Ängsten wirklich lebendig, und dass das alles durch die Brille eines Achtjährigen gesehen wird, macht die Sache nicht besser.

Geschildert wird das Geschehen aus dem zum Zeitpunkt aktuellen Wissen. Das hat bei mir immer wieder zu Irritationen geführt; es war für mich nicht stimmig, erschien mir mit dem Wissen von damals überzogen.

Die Begründung, die Roth uns dann am Ende, nach Lindberghs Verschinden, liefert, die hatte für mich dann das zögerliche Wohlwollen, das ich angesichts mancher wirklich großartig geschriebener Szene doch für den Roman entwickelt hatte, wieder zunichte gemacht. Wie konnte er nur eine derart hanebücherne Wendung einbauen, die besser zu einem Groschenroman gepasst hätte???

Nein, leider, ich kann die allgemeine Begeisterung für diesen Roman nicht teilen. Und ich werde auch das Gefühl nicht so ganz los, dass die vielen positiven Rezensionen in den deutschen Zeitungen irgendwie davon geprägt sind, dass man einen Autor, der ein derart heikles Thema angeht, dafür nicht kritisieren kann.

Als Roman ist dieses Buch in meinen Augen nicht sonderlich geglückt. Nur dann, wenn der Autor sich doch hin und wieder erlaubt, über eine längere Szene hinweg seinen Protagonisten Raum zu geben, sie in ihrem Alltag zeigt, ihre Beziehungen zueinander beleuchtet, dann kommt der Autor zum Vorschein, der im menschlichen Makel so großartig schildern konnte, wie ein Mensch sich selbst neu erfindet.

Philip Roth

Philip Roth, geboren am 19. März 1933 in Newark/New Jersey, studierte an der Bucknell University in Lewisburg / Pennsylvania und graduierte 1955 an der Universität Chicago zum Master of Arts für englische Literatur. Er erhielt mehrere literarische Auszeichnungen, zuletzt den Pulitzer-Preis für seinen Roman "Amerikanisches Idyll".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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