Irene Nemirovsky - Suite Francais

Originaltitel: Suite francais
Roman. Knaus Verlag 2005
544 Seiten, ISBN: 3813502600

Im ersten Teil, "Sturm im Juni", begegnen wir hauptsächlich Pariser Familien, die sich überstürzt auf die Abreise aus Paris vorbereiten. Die Deutschen stehen nun wirklich vor den Toren der Stadt, das Unmögliche ist eingetreten, und wer nur irgendwie kann, versucht sich in die Provinz zu retten.

Die Péricands sind eine wohlhabende Pariser Familie; hier muss jede Menge an Tafelsilber, Damastwäsche, Geschirr eingepackt werden, bevor die Familie zum Aufbruch bereit ist; die Michauds hingegen packen ihre gesamte Habe in einen kleinen Koffer und begeben sich zur Bank, ihrer Arbeitsstelle, von wo alle Angestellten gemeinsam nach Tours evakuiert werden sollen. Doch ihre Plätze im Wagen werden dann doch von der Geliebten des Chefs beansprucht, und so machen sie sich zu Fuß auf den Weg, wie noch Unzählige andere...

Im zweiten Teil des Buches ist der Waffenstillstand geschlossen, die Deutschen werden in einem kleinen Städtchen in der besetzten Zone einquartiert; auch bei Lucille Angellier und ihrer Schwiegermutter wird ein deutscher Offizier einquartiert, Bruno von Falk. Sie sind höflich, die Deutschen, sie zahlen mit gutem Geld, vor allem aber sind seit Langem wieder Männer im Marktflecken, junge, gesunde Männer... die mit den Kindern scherzen, den Frauen Komplimente machen. Und die, obwohl man sich mit der Zeit an sie gewöhnt, doch der Feind sind...

Man merkt es dem Roman an, das er unmittelbar in der beschriebenen Zeit entstanden ist; die Autorin war sich sehr stark im Klaren darüber, was sie vorhatte, welche für sie alltäglichen Ereignisse vielleicht in 20, 50, 100 Jahren nicht mehr präsent sein würden, was sie ins Gedächtnis zurückrufen müsste. Es sind vor allem die Kleinigkeiten, die bestechen; sie hält sich nicht mit den Schilderungen der großen Ereignisse auf, sondern mit den ganz alltäglichen Auswirkungen.

So geht das Leben eben weiter, auch wenn vor der Tür Flüchtlingsströme vorbeiziehen; so können sich die Reichen ihr Leben auch hier einfach machen, während anderen buchstäblich das Nötigste zum Überleben fehlt. Erzählt wird von der Gewöhnung an eine Armee, die eigentlich Besatzer sein soll und als Gruppe auch immer noch so fungiert, aber doch als Individuum menschlich wird, mit Sympathie und auch Mitleid betrachtet wird.

So entwickelt sich zwischen Lucille und ihrem deutschen Offizier eine zarte Liebesgeschichte, nicht gelebt, nur gehofft, geträumt, bestehend aus Gesprächen, Blicken, wissend, dass es nicht erlaubt ist; und dann, als einer aus dem Dorf einen Deutschen erschießt, bricht trotz aller Gefühle der Abgrund zwischen ihnen wieder auf, gehören sie zu zwei verschiedenen, verfeindeten Gruppen.

In den Notizen im Anhang kann man nachlesen, wie sich die Autorin die Weiterentwicklung der Geschichte vorgestellt hatte; fünf Teile hatte sie geplant, doch mehr als das, was im Dritten geschehen sollte, konnte sie sich noch nicht konkret ausmalen, zu weit war das Ende des Krieges noch entfernt.

Und doch ahnt man schon die Konflikte, die nach dem Krieg in dem kleinen Dorf aufbrechen werden, wenn die Besatzer weg sind und die große interne Abrechnung kommen wird.

In Frankreich wurde die Wiederentdeckung dieses Romans im letzten Jahr sehr gefeiert; nach dem eher statischen ersten Teil konnte ich die Begeisterung noch nicht so ganz nachvollziehen, zu sehr war es für mich da noch Reportage und nicht Roman. Doch mit dem zweiten Teil beginnt die Auseinandersetzung mit der Psyche der Menschen in Ausnahmesituationen viel stärker in den Vordergrund zu treten; ein großartiges Zeitdokument!

Irene Nemirovsky

Irène Némirovsky wurde 1903 als Tochter eines russischen Bankiers in Kiew geboren. Die Familie flieht vor der Oktoberrevolution nach Paris. Irène heiratet den weißrussischen Bankier Michel Epstein, bekommt zwei Töchter und veröffentlicht ihren Roman David Golder, der sie schlagartig berühmt und zum Star der Pariser Literaturszene macht. Viele weitere Veröffentlichungen folgen. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, flieht sie mit ihrer Familie in die Provinz. Am 13. Juli 1942 wird sie verhaftet. Keine vier Wochen später stirbt sie in Auschwitz. Ihre Töchter überleben, fliehen von einem Versteck ins andere, immer das dicke Manuskript im Koffer, an dem ihre Mutter fieberhaft bis zuletzt arbeitete. Erst über sechzig Jahre nach dem Tod der Autorin wird es wiederentdeckt und veröffentlicht. Die Autorin hatte nicht die Zeit, den Roman zu beenden; 5 Teile waren geplant, 2 sind in diesem Buch enthalten.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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