Hans-Ulrich Treichel - Menschenflug

Originaltitel: Menschenflug
Roman. Suhrkamp Verlag 2005
240 Seiten, ISBN: 3518417126

In seinem vielbeachteten, in mehrere Sprachen übersetzten Roman Der Verlorene hat Hans-Ulrich Treichel von einer Kindheit im Schatten des im Krieg verlorenen Bruders geschildert, den der Ich-Erzähler nie kennen lernen konnte, und wie dieser Verlust die ganze Familie prägt.

Auch ich hatte diesen Roman mit sehr viel Empathie gelesen und Treichel dazu auch noch als guten Erzähler kennen gelernt; wer das Buch noch nicht kennt, dem sei es hiermit erneut ans Herz gelegt.

In "Menschenflug" setzt der Autor an einer späteren Stelle ein: beim (fiktiven) Autor des "Verlorenen", und wie die Reaktionen auf das Buch auch sein Leben verändern. Auf vielen Lesungen wird er damit konfrontiert, dass auch andere Geschwister, Kinder etc. verloren haben, oder selbst Verlorene sind und ihre Familie nie wiedergefunden haben. Einer davon ist felsenfest davon überzeugt, eigentlich der im Buch beschriebene Verlorene zu sein.

Bestärkt von seiner Frau nimmt er sich vor in dem einen Jahr, in dem er eine Auszeit von der Familie nimmt und nun in einer Dachgeschoßwohnung im Berliner Süden lebt, seine Wurzeln zu suchen, an die Orte zu reisen, die vor der Vertreibung von seiner Familie bewohnt wurden. Und natürlich plant er auch, dann darüber ein Buch zu schreiben, hat auch im KOpf schon einen Titel dazu parat; doch leider ist dieser Titel bereits belegt, und dann stolpert er auch noch in einer Buchhandlung über das Buch eines amerikanischen Autors, der genau diese Reise gemacht hat und ein Buch darüber geschrieben hat, das nun in so großen Mengen verkauft wird, das sein eigenes ohnehin untergehen würde dagegen.

Und so zerplatzen nach und nach alle seine Vorhaben; auch eine Reise nach Ägypten mit seiner Frau muss er dann alleine machen. Aus den Sorgen seiner Töchter, die "nur" seine angeheirateten sind, wird er rausgehalten, und als er dann irgendwann glaubt, seinen richtigen Bruder gefunden zu haben, schlägt ihm die Ablehnung der Familie entgegen...

Ein Buch mit vielen guten Ansätzen, interessanten Beobachtungen, auch mit einigem Wiedererkennungswert für mich - das oben geschilderte Buch war für mich ganz klar das auch hier schon vielfach besprochene "Alles ist erleuchtet" von Jonathan Safran Foer - aber insgesamt doch, gerade weil der Autor mehr kann, für mich persönlich enttäuschend.

Es fehlte mir ein Kern, um den herum diese Geschichten sich entwickeln und etwas Tiefe entwickeln können; und auch wenn ich mich zum Beispiel über die Idee eines Faches "Österreichisches Deutsch für Ausländer" etc. sehr amüsiert habe, reicht das trotzdem nicht, eine Empfehlung aussprechen zu können. Schade!

Hans-Ulrich Treichel

Hans-Ulrich Treichel geboren 1952 in Versmold in Westfalen, lebt in Berlin und Leipzig. Seit 1995 ist er Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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