Christian Gailly - Ein Abend im Club. Hörbuch

Originaltitel: Un soir au club
Hörbuch - Roman. Der HörVerlag 2005
2 CDs, ISBN: 3898132773

Simon Nardis war einst Jazzpianist, hatte mit seinem Stil Publikum und Kritiker gleichermaßen begeistert. Aber schon seit 10 Jahren hat er kein Klavier mehr angerührt, hört nur noch klassische Musik, und trinkt auch keinen Alkohol mehr. Denn vor 10 Jahren, als er ganz am Ende war, hat Susanne ihn von der Musik weg in eine bürgerliche Existenz gerettet - eigentlich ein Verrat, wie er sich nur ganz leise eingesteht.
Heute ist er Ingenieur, und in dieser Funktion ist er nun am Meer, um ein Problem zu lösen. Sie arbeiten, er verpasst seinen Zug; als die Arbeit fertig ist, bleibt noch etwas Zeit. Sein Gegenüber, dankbar für die Hilfe, lädt ihn ein - und führt ihn in einen Jazzclub.
10 Jahre Abstinenz - und nun hört er ein Trio, das sich seinen Stil angeeignet hat. Als sie Pause machen, setzt er sich ans Klavier... und nichts in seinem Leben bleibt, wie es war. Er findet die große Liebe, und da seine Frau noch am selben Wochenende bei einem Autounfall stirbt, ist er auch frei dafür, die Musik ist zu ihm zurückgekehrt ...

Unmittelbar nach dem Lesen hatte ich ja noch den Eindruck, dass die Geschichte des Aufbruchs eines innerlich absterbenden Mannes an sich ganz gut wäre, ich nur die Sprache nicht mag (und auch die Art und Weise nicht, wie sich am Schluss alles so wunderprächtig löst).

Da mir unter anderem die Musikalität in diesem Romänchen, das ja doch auch stark von Musik handelt, gefehlt hatte, dachte ich, in einem Hörbuch, noch dazu mit zeitweiliger musikalischer Untermalung, hätte ich da vielleicht einen besseren Zugang.

Tatsächlich sieht es nun aber so aus, dass sich der Unmut über die Sprache und auch über die Handlung nunmehr sehr viel stärker Bahn bricht. Eins vorweg: ich finde das Hörbuch als solches sehr gut gemacht, mir gefallen die Musikeinsprengsel, auch die Stimme des Sprechers passt. Aber der Inhalt! Und diese mickrige Sprache!

Zumindest in der Übersetzung muss man hier mit einem eingeschränkten Vokabular vorlieb nehmen; "Die Musiker sind sehr gut". "Die Musiker spielten wirklich sehr gut" "Debbi war sehr schön" "Sie war wirklich sehr niedlich" usw usw - keine Beschreibung, die ohne das "SEHR" auskam. Gailly beschreibt für mich zwar immer, dass alles mögliche sehr schön, sehr aufregend, sehr ... toll ist - aber er BEschreibt es nur, er SCHREIBT es nicht, es lebt nicht.
"Die Musik war sehr schön" "Die Musiker waren sehr gut" - billiger kann man doch eigentlich gar nicht mehr beschreiben! Kein Wort, aus dem man ahnen könnte, was denn die Schönheit ausmacht, was diese spezielle Schönheit aus anderen herausragen lässt...
Über die Story konnte ich mich beim zweiten Hören eigentlich nur aufregen. Da bricht ein Mann nach vielen Ehejahren aus; soweit, so gut, legitim, für die Daheimgebliebene nicht schön, aber so ist es nun mal. Dann aber wird die arme Ehefrau kurzerhand einem tödlichen Verkehrsunfall unterworfen, den Simon sich auch noch wünscht (!!!) um dann ohne die moralische Konsequenz des Trennungsprozesses von einer lebenden Person frei zu sein, und das auch noch weitgehend ohne ein schlechtes Gewissen haben zu müssen.

Eigentlich also ziemlich schrecklich!

Christian Gailly

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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