Joseph Roth - Radetzkymarsch

Originaltitel: Radetzkymarsch
Roman. Kiepenheuer & Witsch 1956
323 Seiten, ISBN: 3462023799

Wir schreiben das Jahr 1859; in Solferino wird gekämpft, und jetzt, als es schon fast vorbei ist, kommt der Kaiser und inspiziert den Frontverlauf und seine Truppen. Er hebt das Fernglas - und wird von einem jungen Hauptmann niedergerissen. Skandal? Nein, Lebensrettung - der Hauptmann war erfahren genug, das potentielle Ziel zu erkennen, das der Kaiser abgab, und wurde an seiner Stelle von der Kugel getroffen.

Dafür wurde Trotta (so der Name des Hauptmanns) mit einem Orden ausgezeichnet, in den Adelsstand erhoben und auch sonst begünstigt. Ein ganz schöner Aufstieg für den Sohn eines Bauern. Er heiratet, hat einen Sohn; und in dessen Lesebuch sieht er dann auch, was aus seinem Erlebnis geworden ist: ein Lehrstück für die Schule, aus einem Infantristen wurde ein Offizier auf einem Schimmel, er ist nun der Held von Solferino - und gar nicht einverstanden damit. Er geht zum Kaiser und erbittet die Entfernung des Texts aus den Lehrbüchern; und außerdem tritt er aus dem Militär aus, wird Zivilist und verbietet seinem Sohn die militärische Laufbahn.

Der Sohn wird Beamter, wird Bezirkshauptmann einer Kleinstadt in Westmähren - und sein Sohn wiederum, der muss in die Kadettenschule, muss Leutnant werden, obwohl er eigentlich nicht das Zeug dazu hat. Aber der Name Trotta hat immer noch einen gewissen Klang an den richtigen Stellen; und so kommt er dann auch zu den Ulanen.

Er fühlt sich fremd; der einzige, der sich ähnlich fremd fühlt wie er ist der Regimentsarzt, Max Demant, sein einziger Freund. Und ausgerechnet durch ihn wird dieser Freund in seiner Ehre beleidigt, muss sich duellieren... Trotta lässt sich versetzen, diesmal kommt er an den östlichsten Rand des Reichs, mitten im Nirgendwo, nicht mehr Kavallerie, Infantrie ist es nun, und bald auch der Alkohol, das Glücksspiel, Schulden...

Es ist ein Roman, der den langsamen Niedergang des K&K-Reichs fühlbar macht. Wie ich durch unsere Lesegruppe erfahren habe, wurde der Radetzkymarsch anlässlich der letzten großen Schlacht geschrieben, die für die Österreicher siegreich war; immer dann, wenn im Buch der Radetzkymarsch erwähnt wird, wird somit an vergangene, nun immer weiter entfernte Zeiten hingewiesen.

Es ist ein ungeheuer statischer Roman; zumindest erweckt er beim Lesen diesen Eindruck, was vielleicht auf die Passivität der Hauptfigur, den jungen Trotta, zurückzuführen ist. Aber die Beschreibungen sind wunderbar; mit ein paar Zeilen lässt Roth eine Szene lebendig werden, er schafft es, sie atmosphärisch einzufangen. Zum Beispiel die Besuche des jungen Trotta, als er noch ein Kind ist, zu Hause, in den Ferien; die Examierung durch seinen Vater, das immergleiche sonntägliche Mittagessen...

In unserer Lesegruppe haben wir lange über das Verhältnis der Väter und Söhne diskutiert (wurde der junge Trotta von seinem Vater gedemütigt, als dieser ihm vom Tod seiner ersten Geliebten ganz beiläufig erzählt, oder hat der Vater es im Gegenteil sehr taktvoll gemacht und ihn dadurch in der Welt der Erwachsenen aufgenommen?); dann darüber, welche Einstellung Roth wohl selbst zur Monarchie hatte, was er uns Lesern mit seinem Buch vermitteln will. Ausführlich gings dann auch um die Zeit an sich, über den Antisemitismus, der ja deutlich spürbar ist. HJ hatte uns dann auch noch darauf hingewiesen, wofür der Maria-Theresien-Orden, den der Großvater Trotta verliehen bekommt, eigentlich steht: für selbständiges Denken und Handeln, grob gesagt. Ein Widerspruch in sich, so einen Orden im Militär zu vergeben, das ja auf strikte Befehlsbefolgung aufgebaut ist...

Es war eine sehr anregende Diskussion, auch das Buch hat allgemein Anklang gefunden, weil Roth so wunderbar schreiben kann, auch wenn so ab der Hälfte doch bei den meisten eine gewisse Ermüdung eintrat, weil so viel Militär beschrieben wurde. Dennoch: auch von meiner Seite eine Empfehlung!

Joseph Roth

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Die Kapuzinergruft / Die Geschichte von der 1002. Nacht
  • Beichte eines Mörders, erzählt in einer Nacht / Das falsche Gewicht
  • Hotel Savoy / Hiob
  • Radetzkymarsch

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