Justine Lévy - Nicht so tragisch

Originaltitel: Rien de Grave
Roman. Verlag Antje Kunstmann 2005
208 Seiten, ISBN: 3888974003

Louise Lévy, die Heldin dieses Romans, ist von Adrien verlassen worden, demselben Adrien, mit dem sie während seines einwöchigen Israel-Urlaubs 15.000 Francs vertelefoniert hatte, nur um sich gegenseitig zu vergewissen, wir sehr man sich liebe. Sie kannten sich schon seit ihrer Kindheit, liebten sich seit ihrer Kindheit, wussten alles voneinander und waren unzertrennlich.

Unzertrennlich - bis Paula auftauchte an jenem Sommer, am Arm von Adriens Vater, der mit dieser schönen Frau glücklich war, die dann sein Sohn haben wollte und auch bekam.

Louise zerbricht fast an dieser Verlassenheit; obwohl, eigentlich ist sie schon viel früher beinahe zerbrochen, an Adriens Ansprüchen an sie, denen sie nicht genügen konnte, seinem Wunsch, sie zu ändern, seinem Ärger auf die Schnitzer bei öffentlichen Auftritten, durch die er fürchtete seine Karriere zu verderben.Dass sie sich, um seinem Bild der lebenstüchtigen, energiegeladenen Frau auch nur halbwegs entsprechen zu können, mit Tabletten zustopft bis sie beinahe daran stirbt entgeht sowohl dem ach so liebenden Ehemann als auch dem Vater.

Überhaupt kommt der Ehemann insgesamt so gar nicht gut weg in diesem Roman; auf jedes "wir haben uns doch so geliebt!" folgt eine wenig schmeichelhafte Beschreibung seiner egozentrischen Art, seines mangelnden Einfühlungsvermögens, seiner Dominanz und Unliebenswürdigkeit.

Eine ziemlich bittere Abrechnung also - dabei beginnt der Roman in meinen Augen wirklich großartig, mit einer Schilderung vom Begräbnis der innig geliebten Großmutter, bei der sie in Jeans erscheint und sich weigert zu weinen, mit einem einfühlsamen und sehr selbstkritischen Einblick ins Verhältnis zur krebskranken Mutter, zu den Tagen, an denen sie nach Ausflüchten sucht, um sich nicht um sie kümmern zu müssen, das schlechte Gewissen, das damit einhergeht; all das vorgetragen in einem atemlosen Sprache.

Doch je weiter das Buch voranschreitet, je mehr Rückblicke auf das gemeinsame Leben mit Adrien geworfen werden, umso weniger kann man sich auch als Nicht-Kenner der französischen Intellektuellen-Szene des Eindrucks erwehren, dass die Autorin hier keine fiktive, sondern eine reale Enttäuschung abrechnen will, ja, ihre Widersacher ziemlich gnadenlos bloßstellen will. Dass sie sich dabei auch selbst nicht unbedingt in strahlendem Licht zeigt, dass sie sich für mich in diesem Text als verwöhntes Gör präsentiert, dem jeglicher Realitätssinn fehlt, macht die Sache nicht unbedingt sympathischer. Als sie zur Schilderung ihrer von Adrien erzwungenen Abtreibung kommt hatte sie sich jedenfalls bei mir fast alle Pluspunkte verspielt.

In Frankreich hat sich der Roman ausgezeichnet verkauft - und sicher nicht zuletzt deshalb, weil Justine Lévy die Tochter von BHL, von Bernard-Henry Lévy ist, dass sich hinter Adrien Raphael Enthoven verbirgt, der sich von ihr trennte, um mit Carla Bruni zusammenzuleben, der Freundin seines Vaters.

In Deutschland verzichtet der Verlag weitgehend darauf, mit der Klatsch-Geschichte Werbung machen zu wollen; keine Erwähung des Vaters im Klappentext, nur im Verlagsprospekt ein kurzer Hinweis auf ihn. Keine Erwähnung ansonsten des ja auch einem deutschen Publikum nicht unbekannten Namens Carla Bruni.

Wer sich real hinter den Protagonisten versteckt wäre mir mit Sicherheit nicht aufgefallen; dass es aber ein wenig fiktiver Roman ist, dem kann man sich beim Lesen auch ohne Vorkenntnis schwer entziehen, man spürt es. Und man braucht nur zwei Begriffe in die Suchmaschinen einzugeben um über eine Menge Klatschgeschichten zu stolpern, die diese Geschichte breittreten.

Dass Raphael und Carla Bruni sich mittlerweile getrennt haben, wird Lévy bestimmt freuen; wahrscheinlich werden wir Details daraus ihrem nächsten Buch entnehmen können, an dem sie gerade schreibt.

Fazit: ein wirklich guter Beginn, einige interessante Gedanken und Formulierungen, aber insgesamt als eigenständiges literarisches Werk für mich nicht überzeugend. Trotzdem nett zu lesen!


Hier noch einige Stimmen aus der französischen und auch deutschen Presse:

Die WAMS titelte am 15. August 2004: Zickenalarm in Paris: Wie makellos ist Carla Bruni?

Eine Online-Diskussion mit der Autorin ist hier zu finden.

Auch in der LITERATUREN vom vorigen Sommer ist ein Magazinbeitrag enthalten, (leider nicht mehr online), mit dem Tenor: Justine Levys 200-seitiger, spätpubertärer Rachefeldzug gegen Carla Bruni)

Eine kurze Anmerkung vielleicht noch: gelesen habe ich das Buch Anfang Juli, auch dieser Beitrag ist zu dem Zeitpunkt verfasst, wird aber aufgrund der Sperrfrist erst zum Erscheinen online gehen. Bin gespannt, ob sich bis dahin schon mehr Stimmen in der Presse finden…

Justine Lévy

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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