Paul Murray - An Evening of Long Goodbyes

Originaltitel: An Evening of Long Goodbyes
Roman. Verlag Antje Kunstmann 2005
576 Seiten, ISBN: 3888974046

Zu Beginn des Romans erleben wir Charles Hythloday in bemerkenswert derangiertem Zustand; das heißt, bemerkenswert vielleicht für den Leser, für Charles selbst ist dieses Bummelantendasein seit dem Tod seines Vaters eigentlich Standard. Seine Beschäftigung tagsüber beschränkt sich darauf, der Haushälterin, Mrs P., immer neue Gaumenfreuden zu entkitzeln, den Weinkeller des Vaters zu leeren und vielleicht noch ein klein wenig Sorge für die Pfauen aufzubringen, die sein Vater sich eingebildet hatte.
Die Mutter ist im Sanatorium, die Nerven... (oder doch der Alkohol?) - und ja, eine Aufgabe von Charles hätte ich ja fast vergessen: sich ins Liebesleben seiner Schwester Bel einzumischen.

Mit Frank, ihrer neuesten Errungenschaft, ist er denn auch so gar nicht einverstanden. Ganz davon abgesehen, dass Frank nun wirklich nicht ihren Kreisen entstammt, aussieht wie ein schlecht zusammengeschraubter Schrank von Ikea und mit Kultur so gar nichts am Hut hat, bezichtigt ihn Charles auch noch, für das langsame Verschwinden der Wertgegenstände aus dem Haus verantwortlich zu sein.

Um die offiziell aussehenden blauen Briefe, die in letzter Zeit immer häufiger kommen, kümmert Charles sich nicht - bis eines Tages seine Schwester über die in einer Küchenschublade angesammelte Flut stolpert und ihn über ihren Inhalt aufklärt.

Der ist nun wahrlich brisant: Schulden über Schulden haben sich angehäuft, vom Reichtum, in dem Charles zu leben glaubte, ist nichts mehr vorhanden, und die Banken drohen bereits mit Zwangsversteigerung.

Er sieht nur noch einen Ausweg: er muss seinen Tod inszenieren und so, mit der Versicherungssumme, seiner Familie den Weiterbestand ermöglichen. Darauf gebracht wird er von Luchsauge, dem Detektiv mit der Goldsiegelgarantie - der sich als niemand anderer als der Postbote herausstellt, der seine Weisheiten daraus bezieht, dass er sämtliche Post vor der Zustellung erstmal selbst liest.

Natürlich geht dieser Plan, wie fast alles, was Charles anfasst, gründlich schief - doch zumindest das Geheimnis von Mrs. P.s Unkonzentriertheit sowie dem grandiosen Verschleiß von Nahrungsmitteln wird dadurch gelüftet. Und kurz darauf findet Charles sich ausgerechnet in Franks winzigem Appartment in der düstersten Ecke Dublins wieder, um selbst Geld zu verdienen...

Es gibt wirklich eine Menge ausgesprochen witziger Einfälle in diesem Buch - aber wie so oft: es sind zu viele, und nicht alle sind wirklich gut eingearbeitet, manches ist einfach nur überdreht. Dass ich dem Buch auch eine deutliche Kürzung verpasst hätte kommt noch hinzu. Trotzdem: ich habe mich über weite Strecken sehr gut unterhalten, habe zwar auch einige Ausführungen quergelesen, weils mich genervt hat; zudem wollte der Autor meines Erachtens ein bisschen zu viel draus machen. Aber in den Grundzügen ist die Geschichte und die daraus resultierenden persönlichen Verwicklungen schon ziemlich gut ausgedacht, und das alleine ist schon lesenswert.

Paul Murray

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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