Thomas Lang - Jim. Eine Erzählung

Originaltitel:
Erzählung(en). CH Beck Verlag 2012
123 Seiten, ISBN: 3406630030

Als Leser begegnet man zuerst Frank Opitz - und dessen Hand, die sich für ihn wie ein fremdes, gigantisches Körperteil anfühlt und ihm unerträgliche Schmerzen bereitet. Man darf einen Blick über seine Schulter werfen, während er den perfekten Latte Macchiato zubereitet. Und dann? Und dann miterleben, wie dieser Mann an sich selbst und seiner Mittelmäßigkeit leidet. Er ist Kulturjournalist, hat vor vielen Jahren einen Band mit Erzählungen veröffentlicht. Dass sich daran kaum noch jemand - außer seinem Freund Mundt, aber zu dem kommen wir gleich noch - erinnert, tut kaum etwas zur Sache. Aktuell arbeitet er an einem Artikel über einen Autor, der schon zu Lebzeiten kaum beachtet worden war - zu Unrecht, wie Opitz fand.

Zu Opitz gehört auch eine Frau - Anna. Anna, die in dieser Beziehung am Geldhebel sitzt. Anna, die auch von Opitz´ Freund Mundt attraktiv gefunden wird. Anna, die vor kurzem einen Orang-Utan im Garten aufgenommen hat, der so degeneriert ist, dass er nicht einmal klettern kann, aber dafür kunstvolle Bilder malt. Anna, die bei Manufactum an diesem Nachmittag ein Gartenbett erworben hat, wohl wissend, dass Opitz aufgrund seines Gebrechens gar nicht in der Lage sein würde, das Lager mit ihr zu teilen.

Es kommt, wie man es schon vermutet hat, zum Showdown. Nicht nur, dass Opitz Mundt mit seinen Verdächtigungen konfrontiert - er sieht sich plötzlich auch in der Klemme, eine Lebenslüge einzugestehen: dass nämlich der eine Erzählungsband, der ihm immerhin ein bescheidenes bisschen Ruhm in der Literatenwelt einbrachte, in Wirklichkeit nur abgeschrieben war.

Doch gleichzeitig befreit diese Einsicht auch…

Der Inhalt dieser kurzen Erzählung war für mich im Endeffekt eigentlich nebensächlich. Was ich daran tatsächlich geschätzt hatte war die sehr lakonische Darstellung des Kulturbetriebs und der Eitelkeiten dahinter. Wenn hier über eine Fernsehsendung geschrieben wird und Opitz, der intellektuelle Opitz, darüber liest und wertet und gleichzeitig weiß, dass er in Wirklichkeit noch nicht einmal dazu in der Lage wäre, diese Lobhudelei zu verfassen, geschweige denn den geistreichen Verriss, der ihm vorschwebt, dann hat das etwas sehr erheiterndes.

Auch der Gegenspieler Mundt in seiner Gönnerhaftigkeit, dem peinlichen Haarschwänzchen und der neu entdeckten Fitness ist in so vieler Hinsicht ein Klischee und dabei doch auch wieder nicht, dass ich beim Lesen dieser kurzen Erzählung mein Amüsement hatte. Ich bin mir zwar relativ sicher, dass dieses Buch mir nicht groß in Erinnerung bleiben wird, aber es hat mir zwei Stunden Kurzweil bereitet.

Thomas Lang

Thomas Lang, geboren 1967 in Nümbrecht (NRW), studierte Literatur in Frankfurt am Main. Seit 1997 lebt er als Autor in München.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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