Peter Wawerzinek - Rabenliebe. Eine Erschütterung

Originaltitel: Rabenliebe. Eine Erschütterung
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2010
428 Seiten, ISBN: 3869710209

In seiner Erinnerung war es ein großes Auto, eine Limousine, die der er in sein erstes Kinderheim gebracht wurde. Und es schneite. Dämpfender, weißer Schnee, der alles zudeckte. Doch wie sollte eine so große, luxuriöse Limousine zu den fünfziger Jahren in der DDR passen? Hätte man sich so viel Mühe gemacht mit einem Heimkind? Oder war es doch, wie eine zweite Erinnerung vorgaukelt, eine Fahrt mit dem Motorrad? Die Wahrscheinlichkeit spricht für einen Transport per Bus, abgeliefert wie ein Paket.

Der Junge, der sich hier an seine ersten Tage im Kinderheim erinnert, ist der Autor selbst, der von seiner Mutter einfach zurückgelassen wurde, als diese sich in den Westen absetzte. Er und seine Schwester wurden in völlig verwahrlostem Zustand aufgefunden, die Mutter hat er erst 50 Jahre später bei einer einzigen Begegnung kennen gelernt. Dieses Buch steht für die Reise des Jungen aus dem Kinderheim bis hin zu dieser einen Begegnung mit einer Frau, die nie ein Ersatz sein kann für all das, was er sich in den Jahren der Mutterlosigkeit an Mutterbildern zusammengeträumt hatte.

Es ist eine Erinnerungsreise - gerade zu Beginn sehr intensiv und bildhaft, später quälend und fast zerstörerisch.

Aber zurück zum Beginn. Als Leser wird man hier mit einer Sprache konfrontiert, in der Lautmalerei vermischt wird mit Kinderreimen, Volksliedern, Sprüchen, darin eingewoben auch immer wieder Zeitungsmeldungen über Kinder, die getötet wurden, die völlig verwahrlost wurden. Es spiegelt in gewisser Weise die Wortlosigkeit des Jungen wieder, der lange nicht sprechen kann, der auch körperlich der Entwicklung völlig hinterherhinkt, dessen Kontakte nach außen eigentlich nur den Vögeln gelten, die er aus dem Fenster raus beobachtet und mit ihnen stumme Zwiesprache hält. Von der Mutter erzählen sie ihm, dem Mutterlosen.

Er wird nicht nur verwahrt im Heim. Es gibt die Köchin, die ihn ins Herz schließt, am liebsten auch adoptieren würde, wenn ihr Mann sie denn ließe. Er darf mit den Töchtern der Heimleiterin spielen, bei ihnen schlafen, man schickt ihm Päckchen, die vorgeblich von der Mutter kommen. Nur ein Zuhause, einen Mutterersatz, den kriegt er nicht. Und zu Schulbeginn wird er in ein weiteres Heim verschickt wie ein Paket.

Er arrangiert sich auch dort, findet Freunde, schreibt schon damals - allerdings Liebesbriefe für seine weniger wortgewandten Freunde, ein Cyrano. Die Hoffnung seiner Freunde, in eine Familie adoptiert zu werden teilt er nicht. Doch es geschieht ihm - seine schulischen Leistungen sind so gut, dass er das Interesse des Schulleiters erregt, er wird kurzerhand an Kindes statt genommen, auch wenn die Frau, die Mutter zu weigern er sich auch nach ihrem Tod noch weigert, mit Kindern nichts anfangen kann. Er ist ein Projekt, er soll funktionieren, darf vor allem keinen Kontakt mehr haben zu denen, die sein Leben bisher geteilt haben. Liebe? Mütterlichkeit? Die sucht man vergebens in diesem Haushalt. Ihm wird kein Raum zugestanden, er schläft zwischen dem Ehepaar, im Spalt der beiden Federkernmatratzen, auf die die Adoptionsmutter so stolz ist.

Dieser Part, die Beschreibung seiner Jugend, seine Auflehnung gegen die Familie, der er eigentlich angehören sollte, fiel für mich sowohl inhaltlich als auch stilistisch ganz massiv ab gegen den sehr berührenden ersten Teil. Ich habe lange gegrübelt, was den Unterschied für mich ausmacht. Der erste Teil, in dem Worte gefunden werden für den Sprachlosen, in dem ein Schicksal geschildert wird, das man sich gar nicht vorzustellen vermag, ist für mein Verständnis wieder und wieder durcherinnert worden, mit allen Irrtümern und Fehlerinnerungen, die dazugehören. Es wurde relativiert, Erinnerung gegen Wahrscheinlichkeit, gegen Dokumente gestellt, die zum Teil dann dennoch für die eigene falsche Erinnerung geopfert werden. Es ist - für mich - ein Text, der aus tiefstem Erleben kommt, aber im besten Sinne des Wortes zu Literatur wurde.

Seine Jugendzeit, die Jahre in der Lehrerfamilie, konfrontieren mich mit einem durch nichts gebrochenen Hass. Nun sei dem Autor wirklich zugestanden, diesen Hass zu empfinden, es ist ungeheuerlich, was mit ihm gemacht wurde, er hat jedes Recht dazu. Er kann wüten und wütend sein, Gift und Galle spucken, so viel immer er will. Nur. Ich will das nicht lesen müssen. Ich empfand beim Lesen Unbehagen nicht des Inhalts wegen sondern weil dieser Part für mich nicht "Roman" war sondern Schreiben als Therapie.

Im letzten Teil dann bereitet der erwachsene Wawerzinek sich auf die Begegnung mit seiner Mutter vor. Drei Jahre lang schon hatte er ihre Telefonnummer in sein Mobiltelefon eingespeichert, wusste er, wo sie wohnte, hatte sogar Kontakt zur Pfarrerin des Ortes. Drei Jahre, bis er den Mut aufbrachte, dann noch ein paar Tage, bis er ihr tatsächlich gegenüberstand. Für sie ein Moment, als wäre er gestern noch hier gewesen. Und er? Er merkt, dass diese Frau nie Mutter für ihn sein wird. Aber dass er dafür Geschwister hat, 8 an der Zahl (zusätzlich zu der Schwester, die mit ihm im Osten zurückgelassen worden war, und die er erst mit 17 kennenlernen durfte). Geschwister, die die Mutter zwar um sich hatten - aber hatten sie deswegen Mutterliebe erlebt? Auch wenn der Autor uns von der Bitte der Geschwister berichtet, über sie nicht zu schreiben, eines klingt doch durch: dass sie es nicht unbedingt besser, leichter hatten als er.

Es ist mir schon verständlich, dass so eine Fahrt quälend ist. Doch irgendwann während der seitenlangen Gedankenmühle um die Rabenmutter - Mutterliebe - Rabenliebe usw. ist mir beim Lesen schon auch immer wieder die Geduld und das Wohlwollen abhanden gekommen. Aber dies nur am Rande.

Wie schon erwähnt: meine Lektüre liegt einige Zeit zurück, ich wollte und konnte nicht unmittelbar danach darüber schreiben. Mein Urteil wäre direkt nach Beendigung des Buches schlechter ausgefallen. So aber merke ich, dass das Thema mich nicht loslässt, dass ich mich damit auseinandersetze, wie der Autor sich die Mutterfindung vom Hals schreibt. Darüber kann ich dann anfangen, die redundanten und in meinen Augen nicht gelungenen Passagen des Buches langsam auszublenden und mich auf den beeindruckenden Beginn und einige berührende Szenen am Ende konzentrieren. Ob ich es weiterempfehle? Schwierige Frage. Dazu müsste ich den potentiellen Leser schon sehr gut kennen…

Peter Wawerzinek

Peter Wawerzinek wurde unter dem Namen Peter Runkel 1954 in Rostock geboren. Er wuchs in verschiedenen Heimen und bei verschiedenen Pflegefamilien auf. Seit 1988 ist er freier Schriftsteller, Regisseur, Hörspielautor und Sänger.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Das Kind, das ich war
  • Mein Babylon
  • Es war einmal… Parodien zur DDR-Literatur
  • Moppel Schappiks Tätowierungen
  • Cafe Komplott. Eine glückliche Begebenheit
  • Das Meer an sich ist weniger
  • Das Desinteresse
  • Rabenliebe. Eine Erschütterung

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Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

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