John Irving - Letzte Nacht in Twisted River

Originaltitel: Last Night in Twisted River
Roman. Diogenes 2010
832 Seiten, ISBN: 325706747X

Twisted River ist der Name eines kleinen Holzfällercamps, in dem der Koch Dominic Baciagalupo schon seit Ewigkeiten arbeitet und dort alleine seinen Sohn Danny großzieht. Die Gesellschaft der Holzarbeiter ist rau, aber herzlich, und Ketchum, das größte Raubein unter allen, ist der kleinen Familie treu ergeben. Es ist eine seltsame Verbindung da zwischen "Cookie", wie der Koch genannt wird, und Ketchum, die mit Dannys Mutter Rosie zu tun hat - was genau, das soll Danny erst viel später im Leben erfahren.

(Und dieser Vorgriff in der Geschichte ist auch gleich ein Hinweis darauf, wie der Autor seine Geschichte vorantreibt: mit vielen, vielen Hinweisen auf etwas, was erst später genauer erzählt werden wird. Man soll als Leser nur schon mal in einer gewissen Spannung gehalten werden, was manchmal funktioniert, mich diesmal aber eher genervt hat).

Nun weiter in der Handlung. Cookie ist ein Koch, dessen Fähigkeiten weit über die simple Versorgung der Arbieter mit Kalorien hinausgeht. Er versteht es, seine Gerichte zu verfeinern, gibt ihnen mit unerwarteten Zutaten oft den letzten Schliff und eine Note Unvergesslichkeit. Das ist wichtig - denn später im Buch wird er, der dann schon unter neuem Namen in einer neuen Stadt lebt, an diesen geheimen Zutaten erkannt werden. Aber dazu muss es ja erstmal kommen, denn noch scheint es so, als sollte Danny seine gesamte Kindheit weltfremd und behütet im Holzfällercamp verbringen.

Doch an diesem Wochenende war Tragisches geschehen. Angel, ein junger Ausreißer der seit einiger Zeit mitarbeitete, war ums Leben gekommen. Ein Anlass, der gerade Ketchum und Cookie auf ganz eigene Weise beschäftigt, war doch auch Dannys Mutter in genau diesem Becken ertrunken, mitgerissen von den Stämmen. Ketchum trauert mit Alkohol - Cookie lässt sich von Jane trösten, einer massigen Frau mit immenser Haarpracht, die mit offenem Haar einem Bären ähneln soll. Als Danny aufwacht und traumversunken zu seinem Vater ins Schlafzimmer läuft und dort dieses haarige Wesen sieht, denkt er natürlich sofort an einen Bären, der seinen Vater verschlingen will, greift zu einer eigens bereitgehängten Bratpfanne und erschlägt Jane.

Das klingt etwas… überzogen? Ja. Ist es auch. Gut, wir schreiben die fünfziger Jahre, und es handelt sich um die USA, da kann es schon sein, dass ein Zwölfjähriger keine Ahnung von Sex hat. Irving müht sich auch auf sehr sehr vielen Seiten, dem Leser die Unglaubwürdigkeit der Szene doch noch als möglich erscheinen zu lassen, in dem er von der Schlatrunkenheit des Jungen spricht, von Janes Ähnlichkeit, von den Geräuschen, und natürlich auch davon, dass ein Bär schon einmal ins Haus kam und nur die geistesgegenwärtige Verwendung der Bratpfanne Schlimmeres verhindert hatte.

Die Tote ist leider nicht nur Cookies Freundin, das ist sie nämlich nur heimlich, sondern eigentlich eher die Freundin des Sheriffs. Und der hat eine ganz eigene Auffassung von Recht und Ordnung - es gäbe keine Möglichkeit, ihm den Unfall so zu scihildern, dass Cookie und Danny mit dem Leben davonkämen. Also gibt es nur eine Möglichkeit: Flucht.

Ihre erste Station ist Boston, wo Dannys Mutter herkam. Dazu gibt es dann auch eine Geschichte über das Schicksal des auf Abwege geratenen italienischen Mädchens, das dann schwanger kurzerhand weggeschickt worden war, um der Familie keine weitere Unehre zu machen. In Boston arbeitet Cookie wieder als Koch; eine neue Frau ist auch rasch gefunden, und Danny hat seine ersten erotischen Anwandlungen, wenn er durch ein Astloch der Freundin seines Vaters beim Baden zusieht. Der Kontakt mit Ketchum bleibt bestehen, und als es unruhig wird, ziehen Cookie und Danny weiter. Es gibt noch einige solcher stationen - auf jeder wird Danny ein wenig älter, Cookie hat eine Freundin und kocht, und Danny entwickelt sich langsam zum Schriftsteller, der Bücher mit Inhalten schreibt, die man von John Irving kennt. Und der sich zunehmend über die Frage der Kritik, wieviel davon autobiographisch sei, ärgert. Vor allem Dannys letztes Buch war dahingehend besonders durchleuchtet worden - da sind allerdings schon etliche Jahre vergangen, Danny hat selbst einen Sohn und diesen durch einen Unfall wieder verloren, worüber er ein Buch geschrieben hatte.

Und so geht es immer weiter, die Stationen ändern sich zwar oberflächlich, bleiben aber leider irgendwie beliebig, die Personen, die jeweils auftauchen, sind nur kurze Begleiter im Buch und werden nicht so recht lebendig.

Ab einem gewissen Punkt habe ich mich dann auch nicht mehr darüber geärgert, dass Irving sich offensichtlich in diesem Roman so wichtig nimmt, dass er sich in Dannys Namen über die Kritiker ereifern muss, die ihm unangenehme Zusammenhänge zwischen seinen Büchern und seinem Leben hergestellt hatten - die er selbst, wohlgemerkt, in Interviews dann wieder herstellt… Außerdem erlebt man das Entstehen das gerade vor einem liegenden Werks nochmal mit, wird der Anfang des ersten Kapitels Satz für Satz zerlegt, um dem Leser zu zeigen, warum nun gerade dieser Satz so gelungen sei.

Ja, man merkt vielleicht: ich bin nicht ganz glücklich mit diesem Roman. Es ist kein schlechter Roman. Es ist ein sehr typisches Buch für John Irving, es kommt alles vor, was ihn zu einer Marke gemacht hat, Bären, Zurückgezogenheit, Schriftsteller, herzensgute Charaktere. Aber entweder das Buch war für mich zu typisch, zu wenig überraschend, oder ich bin John Irving mittlerweile tatsächlich entwachsen.

John Irving

John Irving wurde 1942 in Exeter, New Hampshire, geboren. Er ist verheiratet und hat drei Söhne. Er lebt in Toronto und im südlichen Vermont.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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