Andreas Schäfer - Wir vier

Originaltitel: Wir vier
Roman. Dumont Literaturverlag 2010
192 Seiten, ISBN: 3832195742

Familie Wilbur könnte eine Ramafamilie sein. Der Vater Pilot, die Mutter Stewardess, zwei wohlgeratene Söhne, ein schönes Haus in der Umgebung von Frankfurt, keine Geldsorgen.

Doch vor vier Jahren wurde Jakob, der ältere Sohn, ermordet - und diese Lücke in der Familie ist auch vier Jahre später noch so schmerzhaft wie zu Beginn, auch wenn über Jakob in der Familie nicht gesprochen wird.

Jeder der drei versucht auf andere Weise mit der veränderten Situation fertig zu werden. Merten, der kleine Bruder, hat eine Ahnung, dass Jakob in Dinge verstrickt war, die ihm über den Kopf gewachsen sind, dass er sich in schlechte Gesellschaft begeben und große Geldsorgen hatte. Lothar, der Vater, hat einige Zeit nach dem Mord angefangen zu trinken, bis er seinen Beruf nicht mehr ausüben konnte. Auch wenn die Gemeinschaft der Flugzeugcrew immer nur eine kurzlebige war, die Kontakte oberflächlich, hatte er es nicht mehr ertragen zu merken, dass den anderen Kommentare auf den Zungen brennen, die sie genausowenig aussprechen würden wie die Frage danach, ob er Rachegefühle hätte.

Ein Mann vieler Worte war Lothar ohnehin nie. Doch während es zu Beginn der Beziehung ein einvernehmliches, wohltuendes Schweigen war, das zwischen ihnen herrschte, empfindet Ruth die Wortlosigkeit ihres Mannes seit dem Mord zunehmend als aggressives Grollen. Seit einiger Zeit arbeitet sie nun als Anlaufstelle am Telefon für Menschen mit Problemen; vielleicht wollte sie mit deren Herzensergüssen das Schweigen über den tiefen Kummer in der Familie übertönen.

Zwischen den beiden steht Merten, der seit einiger Zeit nicht mehr zu Hause lebt, sich eine winzige Wohnung in der Nähe des Cafes, in dem er arbeitet, genommen hatte. In Lothars Augen konnte Merten mit seiner zurückhaltenden Art nie so ganz an das gewinnende, übermütige Wesen Jakobs heranreichen, das Lothar so bewunderte und stolz machte. Ein Segelflieger - wie er! Ein Draufgänger, ein Wagemutiger mit gewinnendem Charme war er, dieser Jakob. Seine dunkleren Seiten, die Merten wohl am besten von allen kennen gelernt hatte, ahnt Ruth zumindest, doch Lothars Bild lässt sich nicht trüben.

Es ist eine Geschichte der Wortlosigkeit, vielleicht auch deshalb so kurz und nüchtern erzählt, wo manchmal ein wenig mehr Tiefe wünschenswert gewesen wäre. Und leider in vieler Hinsicht recht stereotyp; der schweigsame, den Sohn idealisierende Vater, die Mutter, die nach einem anfänglichen Zusammenbruch dann dafür sorgt, dass der Rest der Familie nicht komplett auseinanderbricht, der Bruder, der den Ermordeten verleugnet und sich als Einzelkind ausgibt, um nicht wieder dieser seltsamen Mischung aus Mitleid und Sensationslust ausgesetzt zu sein.

In Ruth reift dann auch eines Tages der Gedanke, dass sie den Mörder ihres Sohnes treffen muss, ihn, der durch seine Tat so viel Raum in ihrem Familienleben einnimmt, ohne beim Namen genannt zu werden, selbst in Augenschein nehmen muss. Sie will es nicht nur für sich machen, möchte darüber auch mit Merten, mit Lothar sprechen, doch schafft sie es nicht, das Schweigen zu durchdringen.

Am Ende dieses Buches gibt es eine Art Katharsis, der Besuch beim Mörder bewirkt einen Aufbruch, passend zum zeitgleich stattfindenden beruflichen Neustart Lothars und der Selbstfindung des verbliebenen Sohnes. Ein wenig zu viel, was hier so passend geschieht, in meinen Augen. Ich hätte mir gewünscht, der Autor hätte seinen Personen mehr Zeit zugestanden, mich länger an ihrer Entwicklung teilhaben lassen. Denn immer dann, wenn er Rückblenden anbietet, wenn er eine Szene nicht im Schweigen der Gegenwart ansiedelt sondern das Verlorene lebendig werden lässt, war ich beeindruckt von der Fähigkeit des Autoren, mich in seine Geschichte hineinzuziehen.

Es gab auch darüber hinaus noch einige kurze Passagen, die mich bis ins Innerste getroffen haben. Wenn Lothar seinem lebenden Sohn erklärt, er bedaure es, jemals Vater geworden zu sein zum Beispiel. Oder Ruth ihrem Mann hinterherläuft und merkt, dass sie ihn einfach nicht erreichen kann.

Das Thema des Romans hatte mich sofort angesprochen, weil es bisher literarisch auch noch wenig behandelt wurde: wie lebt eine Familie weiter, nachdem einer aus der Mitte gewaltsam getötet wurde? Leider wurden meine Erwartungen nicht ganz erfüllt. Der Roman blieb für mich, neben einzelnen sehr berührenden Passagen, in Klischees verhaftet. Das Thema hätte in meinen Augen mehr Potential gehabt, und eigentlich auch der Autor, der nicht über die gesamte Länge des Romans zeigt, wozu er meines Erachtens in der Lage wäre.

Andreas Schäfer

Andreas Schäfer wurde 1969 in Hamburg geboren, wuchs in Frankfurt/Main auf und lebt heute mit seiner Familie in Berlin. Er schreibt Reportagen und Theaterkritiken für den Tagesspiegel. Bisher veröffentlichte er den Roman ›Auf dem Weg nach Messara‹, für den er u.a. mit dem Bremer Literaturförderpreis ausgezeichnet wurde. 2010 wurde ihm für "Wir vier" der Anna-Seghers-Gedenkpreis verliehen

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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