Originaltitel: Il giorno prima della felicità
Roman. Graf 2010
172 Seiten, ISBN: 386220006X

Im Nachkriegsneapel wächst ein Waisenjunge, sich selbst überlassen, heran. Er lebt in einem kleinen Verschlag, täglich wird ihm eine Suppe gebracht, und eine Gönnerin finanziert ihm die Schule. Unverstellbar, mag man denken, wie grausam dem Kind gegenüber. Doch dieser Junge, das merkt man rasch, weiß, sich das Beste seiner Umgebung gewogen zu machen. Er lernt gerne, ist flink und geschickt, und hat früh gelernt, dass Ängste ihm nur zusetzen können, solange er keine Zuschauer hat. Und so klettert er auch unerschrocken unter den Blicken der anderen Kinder im Hof die rostige Regenrinne hoch, um den Fußball aus dem Balkon im ersten Stock wieder ins Spiel zu bringen, um den Preis, dass er dann auch mit dabei sein darf.
Und eigentlich ist er nur mutig für sie, für Anna aus dem dritten Stock, deren Gesicht er immer nur durch die Fensterscheibe sieht, mit ihren traurigen großen Augen.
Es ist auch bei einem seiner Hechtsprünge nach dem Ball, dass er das Geheimversteck hinter der Statue im Hof entdeckt; eine Falltür, darunter eine Kammer mit einem Bett - und mit Büchern, die er mit immer mehr Begeisterung liest. Bald schon hat er den Vorrat aufgebraucht, darf sich beim Buchhändler um die Ecke immer mal wieder ein Buch ausleihen.
In Don Gaetano, dem Hausmeister, findet er bald einen väterlichen Freund, der ihm handwerkliche Kniffe beibringt, ihn Karten spielen lehrt, und vor allem mit ihm spricht, ihm von der Zeit während des Krieges erzählt, als Neapel von den Deutschen besetzt war, und als eines Abends plötzlich ein Jude auf der Flucht vor der Tür stand, den er dann kurzerhand in dem Versteck hinter der Falltür untergebracht hatte. Von ihm stammten auch die Bücher; er hatte sie dabei, als er floh, doch sollten sie ihn auf dem weiteren Weg ins gelobte Land nicht mehr begleiten, sondern jemand anderem nützlich sein.
Der Ich-Erzähler wächst heran; immer mehr der Hausmeistertätigkeiten führt er mit Don Gaetano gemeinsam aus, sogar zur Witwe im zweiten Stock, die andere Bedürfnisse hat, wird er mittlerweile geschickt. Durch Don Gaetanos Verbindungen hat er die Möglichkeit, auch einmal aus den engen Gassen seiner Heimatstadt hinauszukommen, den Vesuv zu besteigen, mit einem Fischer aufs Meer hinauszufahren. Für mich waren vor allem diese sehr sinnlichen Beschreibungen der Natur und der Stadt die Highlights des Buches.
Anna wohnt mittlerweile schon lange nicht mehr hier, auch wenn der mittlerweile fast Erwachsene immer noch viel an sie denkt. Und von Don Gaetano zu hören bekommt, dass sie nichts für ihn wäre; sie ist einem anderen versprochen, und Don Gaetano hat noch andere Vorbehalte, die er aber nicht ausspricht.
Eines Tages ist es dann so weit. Anna ist wieder da. Mit ihr erlebt das Versteck unter der Falltür für ihn nochmal eine neue Bedeutung; und doch ist er sich auch der Gefahr, die von diesem einen Sonntag des Glücks ausging, bewusst. Anna, die sich selbst als verrückt bezeichnet (zu meinem Bedauern wird das im Buch dann allerdings so beschreiben: )
"Ich war ein verschlossenes Kind, von innen zugesperrt. Unfähig zu weinen, auch bei Ohrfeigen nicht. Solche nennt man heute Autisten."
Erri De Luca, geboren 1950 in Neapel, begann erst mit vierzig zu schreiben; heute ist er einer der meistgelesenen Schriftsteller Italiens. Zu seinen schönsten Büchern gehören die, in deren Mittelpunkt seine Heimatstadt Neapel steht. Seine Romane sind Bestseller in Italien, Frankreich und Israel und in zahlreichen weiteren Ländern erschienen. Erri De Luca wurde mit dem Petrarca-Preis 2010 ausgezeichnet.
Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen
Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]
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