Thomas Mann - Lotte in Weimar

Originaltitel: Lotte in Weimar
Roman. S. Fischer Verlag 1950
397 Seiten, ISBN: 3596294320

Auch wenn sie behauptet, es wäre ihr unangenehm, und wer wäre sie denn schon - als Charlotte Kestner mit Tochter und Zofe im Weimarer Blauen Elefanten eintrifft und nach Angabe ihres Namens vom Kellner Mager sofort als "die" Lotte identifiziert wird, regt sich doch der kleine Stolz darauf, einst so verehrt worden zu sein, dass der unerfüllten Liebe zu ihr ein Buch gewidmet worden war. Und was für ein Buch! Ein Roman, der solches Aufsehen erregt hatte wie der Werther war bislang noch nicht erschienen.

Und auch wenn sie sich jetzt eigentlich ein wenig frisch machen wollte und dann, ganz bescheiden, zu ihrer Familie weiter. Aber erst kann Mager nicht aufhören, zu ihr zu sprechen, dann schickt er ihr eine irische Zeichnerin, die Celebritäten sammelt - und eine Persönlichkeit ist sie ja immerhin, nicht wahr, als Lotte? Und hat sie nicht auch als so alte Freundin des hochgestellten Herrn das Recht, ihm ihre Ankunft mit einem netten kleinen Billet kurz anzuzeigen? Vielleicht wäre dann ja die Möglichkeit, nach 44 Jahren einmal darüber zu sprechen, was ihr so am Herzen liegt, was das damals eigentlich war.

Aber erst noch klagen ihr andere ihr Leid, denn so ganz einfach ist es nicht immer mit dem Geheimrat. Davon weiß der ehemalige Hauslehrer von Goehtes Sohn August zu berichten, aber auch Adele Schopenhauer sucht dringliche Unterstützung für ihr Anliegen. Und als dann zumindest Goehtes Sohn seine Aufwartung macht und sie zu einem kleinen Essen lädt, da fühlt sie sich schon angenommen.

Doch das Treffen selbst ist dann ein wenig anders, als gedacht. Nicht nur, dass das weiße Kleid mit der fehlenden Schleife wohl gar nicht als Anspielung auf damals bemerkt wurde; sie selbst fühlte sich plötzlich auch nicht mehr jung genug für diese Tracht. Und überhaupt, was war das da für ein Mensch, der dem Weine so stark zusprach, schwadronierte, und doch nicht einmal ein persönliches Wort an sie zu richten wusste.

Charlotte Kestner reist ab, ohne Goehte noch einmal unter vier Augen gesprochen zu haben. Einmal noch lädt er sie ins Theater, doch überlässt er ihr seine Loge allein. Und das Gespräch, das sie auf der Rückfahrt zum Hirschen mit ihm geführt? Nun - das hat sie wohl sinniert…

Ich habe mich bei diesem Roman wunderbar amüsiert. Das Genie Goehte wird hier aus vielerlei Quellen beleuchtet, um ihn dreht sich alles, auch wenn er gar nicht anwesend ist. Und er? Er sieht es auch so. "Wer solls denn machen, wenn nicht er, kann ja sonst keiner". Diese Selbsteinschätzung wird in dem ausführlichen Monolog, der einen seiner Morgende schildert, deutlich. Wie viel hat er nicht zu bedenken, zu erforschen, und was ist ihm diese lächerliche kleine Liebe noch, der eine keusche Kuss, den er ihr geraubt. Auch das Buch, dieser Roman, der ist doch Jahre her, er hat viel Besseres geschrieben seither, und doch wird er immer wieder auf dieses Jugendwerk zurückgeworfen.

Thomas Mann hat hier aus dem Vollen geschöpft. Eine eigentlich kleine, historisch verbürgte Tatsache - der Aufenthalt Charlotte Kestners in Weimar - wird hier zu einer grandiosen Darstellung eines Genies und seines Werkes, das sich verselbständigt hat. Dazu ist der Autor ein Meister darin, seine Figuren psychologisch fein auszuleuchten - und mit der Darstellung der kleinen Eitelkeiten und Schwächen jedes Einzelnen erhält man einen sehr direkten Zugang zu seinen Figuren. Man meint Goehte förmlich vor sich zu haben, wenn alle anderen an seinen Lippen hängen und er die Bürde auf sich nimmt, sie alle zu unterhalten… kurzum: einfach lesen und genießen!

Thomas Mann

Paul Thomas Mann (* 6. Juni 1875 in Lübeck; † 12. August 1955 in Zürich), zählt zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern. 1929 erhielt er für sein Werk "Die Buddenbrocks" den Nobelpreis für Literatur. Er wurde in Lübeck geboren und wohnte seit 1894 in München. 1933 verließ er Deutschland und lebte zuerst in der Schweiz am Zürichsee, dann in den USA. Später hatte er seinen Wohnsitz in Kalifornien, zuletzt wieder in der Schweiz.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©01.10.2010 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing