Ian McEwan - Solar

Originaltitel: Solar
Roman. Diogenes 2010
368 Seiten, ISBN: 3257067658

Was macht man, wenn man schon mit Ende 20 den Nobelpreis in Physik verliehen bekommt? Michael Beard, der Held dieses Romans, ruht sich vor allem auf seinen Lorbeeren aus. Sein Name schmückt den Briefkopf diverser Institute, unter anderem einem neugegründeten für erneuerbare Energieen; er reist durch die Gegend, hält die immer gleichen Vorträge, und wenn er einen kurzen Moment der Selbsterkenntnis hat, dann merkt er, dass er den Berechnungen seiner Kollegen längst nicht mehr folgen kann.

Dafür bleibt ihm viel Zeit für sein Privatleben; gerade geht seine fünfte Ehe den Bach runter, und ausnahmsweise ist er es, der betrogen wird. Gut, er hatte auch in dieser Ehe bereits 11 Affären in fünf Jahren, aber was zählt das gegen die Tatsache, dass seine Angetraute ganz offen etwas mit dem Handwerker anfängt, der bei ihnen gerade beschäftigt war?

Um dem häuslichen Desaster zu entfliehen, nimmt er eine Einladung in die Antarktis an, um das Abschmelzen des vermeintlich ewigen Eises selbst in Augenschein nehmen zu können. Auf der Fahrt dahin friert ihm sein Penis fast weg, zumindest befürchtet er das, und auf dem Schiff selbst mutet es ihn immer seltsamer an, dass die Gemeinschaft zwar die Welt retten will, aber nicht einmal in der Lage ist, die Stiefelkammer in Ordnung zu halten. Hier herrscht das Recht des Stärkeren - jeder nimmt, was an Ausrüstung gerade da ist, ohne seine eigenen Sachen in Ordnung zu halten.

Endlich zurück von der Reise, freut er sich schon auf ein leeres Haus - seine Frau ist in dieser Zeit normalerweise arbeiten. Doch stattdessen findet er ausgerechnet den einen seiner jungen Mitarbeiter vom Institut vor, der ihn am meisten mit innovativen Vorschlägen und Veränderungswünschen nervt. Der also auch! Und anstatt die Beine in die Hand zu nehmen, appeliert dieser, Tom Aldous, an die Vernunft seines Arbeitgebers. Ja, er ist sogar bereit, auf ihn zuzueilen - und wird ausgerechnet Opfer des Eisbärenfells im Wohnzimmer, rutscht aus, schlägt mit dem Genick in die Kante des Glastisches und ist tot. Ein Anlass, wie gerufen, auch den zweiten Widersacher auszubooten: flugs tränkt Beard einen von diesem zurückgelassenen Hammer mit Toms Blut und wirft ihn so weg, dass er ziemlich sicher gefunden wird. Und tatsächlich: schon wenig später wird der Handwerker verurteilt.

Und welch ein Geschenk! Aldous hatte eine Akte angelegt, eigens für Beard, in der er seine Berechnungen einer revolutionären, sauberen Energieform hinterlegt hat. Auch wenn Beard die Berechnungen nicht mehr unbedingt nachvollziehen kann, erkennt er doch noch genug um zu wissen, dass er mit diesen Formeln womöglich sehr reich werden könnte.

Er macht, was er gut kann: Gelder beschaffen, Leute engagieren, die sich mit den Details auseinandersetzen. Er selbst sitzt vorne und glänzt mit seinem Nobelpreis, hält Reden, lässt sich dabei von seinen eigenen Worten davontragen und legt sich mit den Feministinnen an, wird nach wie vor von den Frauen begehrt, und wird zunehmend rundlicher.

Im letzten Teil dann soll sein Versuchsmodell an den Start gehen. Wesentlich kleiner als geplant, die eine oder andere Affäre hatte dann doch negative Schlagzeilen gemacht, dazu der Bankencrash - das Risikokapital sitzt nicht mehr so locker. Auch mit seiner Gesundheit steht es nicht zum Besten, und ungewollt Vater ist er auch noch geworden. Und dann kommt es am Vorabend des großen Moments zum Showdown: alle tauchen sie wieder auf, der Handwerker ist aus dem Gefängnis entlassen, der andere Vorgesetzte von Aldous schickt ihm seinen Anwalt nach, und seine Frauen geben sich auch ein Stelldichein…

Es gibt eine ganz spezielle Form von Humor, der viele anspricht - und mich so überhaupt nicht. Leider ist Solar ein Buch, in dem alles, was humorvoll sein soll, oder satirisch, genau diesen Tonfall hat. Nein, es tut mir leid: so sehr ich McEwan als Autor normalerweise schätze, dieses Buch kann ich einfach nicht gut finden. Schon die Handlung an sich ist einfach slapstickhaft; jeder schlechte Krimi bietet mehr psychologische Wahrhaftigkeit als hier zB in der Szene mit dem in die Schuhe des Handwerkers geschobenen Todesfalls (von der Realität kriminalistischer Untersuchungen mal ganz abgesehen). Dazu aber ist Michael Beard ein kleiner, dicker, selbstgefälliger, eitler Dummkopf. Und leider noch nicht mal ein liebenswerter Dummkopf. Beard wurden so viele negative Eigenschaften angehängt, vor allem aber wird er so DUMM dargestellt, dass er mir nicht etwa unsympathisch wird, sondern mir einfach gleichgültig wird. Eine schlechte Voraussetzung, wenn ich einem Helden vierhundert Seiten lang folgen soll.

Eigentlich wird Solar als der große Roman zum Klimawandel angekündigt. Im Mittelteil gibt es auch einige Szenen, in denen darauf näher eingegangen wird, in denen die widersprüchlichen Kommentare diverser Wissenschaftler angeführt sind, genauso wie die Absurdität mancher Maßnahmen zur Klimarettung. Diese Passagen gehen in meinen Augen leider unter, weil Beards persönliche Dramen im Vordergrund stehen. Ob nun Klimakatastrophe, Bankencrash oder einfach nur ein Streit zweier Dörfer: es bildet nur die Kulisse, ist als Thema eigentlich nicht relevant.

In meinen Augen hat McEwan mit diesem Roman sein Potential verschenkt. Schade.

Ian McEwan

Ian Mc Ewan, geb. 1948 in Aldershot, verbrachte seine Kindheit in England, Singapur und Nordafrika. Nach einem Philologiestudium war er einziger Student eines "Creative Writing"-Kurses bei Malcolm Bradbury. Seine Magisterarbeit bestand aus einer Reihe von Kurzgeschichten, die später unter dem Titel "Erste Liebe, letzte Riten" veröffentlicht wurden und ihm den Somerset-Maugham-Preis einbrachten. Er lebt heute mit seiner zweiten Frau und den beiden Söhnen aus erster Ehe in Oxford und London. 1998 wurde ihm für "Amsterdam" der begehrte Booker-Preis verliehen, und im folgenden Jahr der Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung für das Gesamtwerk. Für "Abbitte" erhielt er 2001 den People´s Booker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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