Alina Bronsky - Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche

Originaltitel: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
Roman. Kiepenheuer & Witsch 2010
317 Seiten, ISBN: 3462042351

Wie ihre Tochter Sulfia es geschafft hatte, schwanger zu werden, ohne dass sie als Mutter überhaupt etwas davon gemerkt hatte, war Rosalinda ein Rätsel. Was zu tun war, war dagegen sonnenklar: das Problem sollte beseitigt werden. Nachdem heißes Baden und andere Hausmittel nicht halfen, griff die Nachbarin zur Stricknadel. Doch anders als gedacht, rundete sich der Bauch dann trotzdem ein paar Monate später. Und als das kleine Wesen erstmal geboren war, war sie nur noch "ihre" Animat, ihr Enkelkind, das ihr, anders als die unbeholfene Tochter, gleich von Anfang an unglaublich ähnlich sah. Fand zumindest Rosalind.

Und Rosalind kümmerte sich. Wie um ihr eigenes Kind. Bis sie eines Tages zum Kindergarten kam - und keine Animat zum Abholen vorfand. Die wäre schon von ihrer Mutter abgeholt worden, hieß es - Sulfia, die heimlich ausgezogen war und sich eine Wohnung genommen hatte. Doch so nicht. Was konnte eine Sulfia dem Kind denn schon bieten? Eine abgeranzte Wohnung, aus der das Kind dann auch schnell wieder zurückgekapert wurde in Rosalindas Heim.

Doch nicht allzulange später dann erneut der Schock: wieder war das Kind weg, wieder von Sulfia einfach mitgenommen worden. Und diesmal war sie wohl besser vorbereitet, hatte sogar geheiratet in der Zwischenzeit. Eine Hochzeit, zu der Rosalindas Ehemann, der Vater, eingeladen worden war - sie hingegen nicht. Und überhaupt, was war das nun für einer? Ein neuer Plan musste her, um Animat zurückzuholen.

Doch ganz so einfach gelang das diesmal nicht mehr. Ein Zurückholen war das nicht, nur die Erlaubnis, das Kind wieder zu sehen. Erst als Sulfias Mann dann eine neue Freundin hatte, konnte Rosalinda ihr Geschick wieder einsetzen und sich tatkräftig um Tochter und Enkeltochter kümmern, auch wenn sie dadurch ihre neu gewonnene Freiheit - ihr Mann hatte sie ebenfalls, für eine andere, verlassen - wieder aufgeben und die Verehrer weiterhin ungetröstet lassen musste.

Und wieder trat ein neuer Mann in Sulfias Leben - erneut ein Patient, und flugs war sie schwanger. Doch an Ausziehen von zu Hause, an Heiraten dachte der gute Mann nicht von selbst - bis Rosalinda entsprechend nachhalf. Alles hätte gut gehen können, wenn nicht die Familie plötzlich beschlossen hätte, nach Israel auszuwandern. Mit Animat! Unmöglich, nicht, solange Rosalinda noch am Leben war - weshalb sie dann auch am Vorabend des Abflugs erstmal jede Menge Schlaftabletten schluckte und beim Erwachen in das besorgte Gesicht ihrer Tochter blickte, die mit Animat hiergeblieben war, während Mann und Baby vorausgeflogen waren.

Noch ein letztes Mal sollte ein Mann die Rettung bringen - Dieter, ein Deutscher. Der sich allerdings mehr für Animats kindliche Schönheit als die Reize von Mutter und Großmutter interessierte, und bereit war, für die Gesellschaft des reizenden Wesens einiges auf sich zu nehmen, auch, alle drei nach Deutschland fliegen zu lassen…

Mir ist beim Lesen dieser immer wilderen Geschichten rund um die kleine Familie das Lachen im Hals stecken geblieben. Das wird alles mit einem so heiteren Tonfall erzählt, dahingeplaudert - und dabei handelt es sich um ziemliche Ungeheuerlichkeiten. Eine Großmutter, die gleichzeitig ein einziger egoistischer Albtraum und dennoch überraschend fürsorglich und hilfsbereit sein kann - aber eben immer zu ihren Konditionen. Ein Akzeptieren, dass andere Menschen andere Wünsche haben könnten, ja, überhaupt, dass sie eigene Wünsche haben könnten, kommt nicht in Frage.

Ich muss ehrlich sagen, dass ich an diesem Buch nur wenig Freude hatte. Der Roman bedient sich einer sehr schnellen Sprache, man hetzt geradezu durch den Text. Für feine Töne bleibt da wenig Zeit, entsprechend fand ich sowohl Figurenzeichnung als auch den Plot an sich sehr schrill und überzeichnet. Die kleinen Schilderungen zwischendurch vom Alltag in der kleinen Stadt hinter dem Ural, von Mangel und dem Traum von einem besseren Leben, gehen daneben leider fast unter, dabei waren sie es, die mir das Buch lesbar hielten.

Ich bin kein Freund von allzu schrillen Geschichten oder Texten, die mich beim Lesen nach Atem ringen lassen, um dem Tempo hinterherzukommen. Für einen tiefgründigen Blick in die Gesellschaft, in die vielen angeschnittenen Themen (wo sind die Männer in dieser Gesellschaft) fehlt die Zeit, und als humorvoll und witzig, wie einige andere Rezensenten, kann ich den Text auch nicht empfinden. Ein wenig erging es mir beim Lesen wie mit dem ebenfalls hochgelobten Roman "Eine kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch", dessen Humor mich ebenfalls nicht erreicht hat.

Alina Bronsky

Alina Bronsky, geb. 1978 in Jekaterinburg/Russland, verbrachte ihre Kindheit auf der asiatischen Seite des Ural-Gebirges und ihre Jugend in Marburg und Darmstadt. Nach abgebrochenem Medizinstudium arbeitete sie als Texterin in einer Werbeagentur und als Redakteurin bei einer Tageszeitung. Sie lebt in Frankfurt und telefoniert bis heute fast täglich mit ihren Großeltern in Sibirien

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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