Elizabeth Strout - Mit Blick aufs Meer

Originaltitel: Olive Kitteridge
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2010
352 Seiten, ISBN: 3630873308

Dieser Roman, der im Original wesentlich zutreffender "Olive Kitteridge" heißt, ist eigentlich eine Sammlung von Erzählungen, die miteinander verknüpft sind und in einer Kleinstadt in Maine spielen. Olive, die man gleich zu Beginn kennen lernt, ist pensionierte Mathematiklehrerin, ihr Mann Henry der Apotheker der kleinen Gemeinschaft. Sie haben einen Sohn, dessen Hochzeit hier gerade gefeiert wird, und Olive hadert ein wenig mit ihrer Schwiegertochter - fast so, wie man das ja ohnehin erwarten durfte von einer etwas kauzigen älteren Frau.

Doch Olive ist eben nicht nur die Frau in dem großblumigen Kleid, über das sich die Schwiegertochter lustig macht - trotz ihrer oft als herrisch empfundenen Art, ihres kurzen Geduldsfadens, hat sie auch einen sehr klaren Blick auf die kleinen Unzulänglichkeiten ihrer Mitmenschen, inklusive sich selbst.

Und ihr Mann Henry, diese Seele von einem Mann, der - ihm Gegensatz zu Olive - wirklich allseits beliebt ist, auch dieser Mann hat sich eines Tages in Gedanken aus der Ehe verabschiedet und sich in seine Angestellte verliebt. Dabei ist dieses Verlieben so zart und unaufdringlich, so sehr in Fürsorge gepackt, wie es zu einem Mann wie Henry eben passt. Im Gegensatz zu Olive, die auch in ihrem Begehren viel absoluter und resoluter ist, und die ihrem Kummer dann auch nicht wirklich verbergen kann. Es spricht aber für diese Ehe, für diese beiden, dass sie einander um diesen Kummer wissen, auch wenn sie nicht darüber sprechen - und es zulassen können, dass der Lebenspartner um den Verlust eines anderen Menschen trauert, der einen vielleicht ersetzen hätte können oder sollen.

Der Sohn zieht weg aus der Stadt, die Apotheke wird aufgekauft, das schöne Haus, das sie für den Sohn gebaut hatten, wird nun von anderen Menschen bewohnt - das Leben in der Kleinstadt geht weiter, es gibt andere Tragödien, andere Ehen, die zu Ende gehen, Freundschaften, aus denen Liebe wird, und zu vielem davon hat auch Olive einen Nebensatz zu sagen.

Dann stirbt Henry, nach einer langen Pflegezeit, in der sie ihn täglich im Heim besucht hatte - eine Hingabe, die ihr niemand zugetraut hatte. Und auch eine Trauer danach, die gar nicht so recht zu ihr zu passen scheint, die man als Leser aber aufgrund der feinen Beobachtungsgabe der Autorin umso besser zu verstehen weiß.

Es ist ein Buch voller ganz leiser, stiller Töne, trotz einer Protagonistin, die schon vom Umfang her der Elefant im Porzellanladen sein könnte. Eine Geschichte rund um Beziehungen, Verluste, Ängste, Erwartungen und Enttäuschungen, um Banales und unerwartet Schönes.

Ich hadere zwar mit dem deutschen Titel, der eine etwas schnulzige Sommergeschichte verspricht; aber dieser Roman in Erzählungen hat mich sehr berührt, ich empfehle ihn gerne weiter.

Elizabeth Strout

Elizabeth Strout wurde 1956 in Portland, Maine, geboren. Nach dem Jurastudium begann sie zu schreiben. Ihr erster Roman »Amy und Isabelle« wurde für die Shortlist des Orange Prize und den PEN/Faulkner Award nominiert und wurde ein Bestseller. Für »Mit Blick aufs Meer« bekam sie 2009 den Pulitzerpreis. Elizabeth Strout lebt heute in New York.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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