Michael Kleeberg - Das amerikanische Hospital

Originaltitel: Das amerikanische Hospital
Roman. DVA 2010
240 Seiten, ISBN: 3421043906

Die kurze Begegnung im Foyer des amerikanischen Hospitals in Paris 1991 hätten beide vermutlich relativ rasch vergessen. Doch wenige Tage später begegneten sich Helene und Cole zufällig in der Cafeteria wieder, beide mit einem Band Lyrik in der Hand, und es entspinnt sich ein sehr persönliches Gespräch.

Helene war zu diesem Zeitpunkt mit dem ersten Versuch einer IVF, einer künstlichen Befruchtung, in Behandlung in diesem Krankenhaus. Viele Überlegungen dazu waren zwischen ihr und ihrem Mann dem vorausgegangen, und nun sollte also das so sehr ersehnte Kind mit technischer Unterstützung gezeugt werden.

Cole hingegen litt an den psychischen Folgen seines Einsatzes im Golfkrieg. Er, der so gerne Vögel beobachtete, Literatur studiert hatte, und dennoch wie schon sein Vater und Großvater Soldat geworden war, litt nun unter peinigenden Angstattacken, eine vom Windstoß zugestoßene Tür rief völlig übertriebene Reaktionen hervor.

Und beide müssen feststellen, dass ihre Probleme so einfach nicht zu beheben sind. Wieder und wieder, anfangs nur zufällig, treffen sie sich im Krankenhaus, und nach dem ersten Entsetzen das Helene befiel, als sie feststellen musste, dass Cole sie über seinen Status als Soldat im Unklaren gelassen hatte, beginnt eine zarte Freundschaft.

Während Helene sich mehr und mehr als Gefäß für künstliche Hormone empfindet, das Gefühl hat, ihr eigener Körper verspotte sie, und ihre Ehe unter den Strapazen der Behandlung zu leiden beginnt, merkt Cole, dass die eigentlich schon diagnostizierte Heilung noch weit entfernt ist. Der neue Therapieansatz lautet, die Ereignisse der letzten Kriegstage wieder und wieder minutiös durchzugehen, um die Reaktion darauf umzupolen, sein Verhalten dadurch wieder angemessen zu gestalten. Und das, was er hier erinnert, erzählt er auch Helene; von den Iltissen, die statt im Wasser in einem Ölsee zu landen versuchen und kläglich verrecken; von Kindersoldaten, denen man die Achillessehnen durchgeschnitten hatte, damit sie nicht fliehen konnten und die Stellung bis zum Schluss verteidigen sollten; von friendly fire und anderen unsäglichen Erlebnissen.

Es sind bedrückende Schilderungen, bedrückend auch, was im Kleinen mit Helene passiert. Dabei sind die Schilderungen nicht reißerisch, es ist ein Buch der stillen Töne, trotz aller Tragik, die darin verpackt ist.

Und doch bleibt bei mir ein eher verhaltener Nachgeschmack. Ich blieb als Leser außen vor, ich empfand die Figuren als sehr theoretische Konstruktionen, gebraucht, um eine Botschaft zu transportieren, aber ohne wirkliches Leben. Ein Buch, das sicher viele Leser begeistern wird, meinen Geschmack aber nicht ganz trifft.

Michael Kleeberg

1959 in Stuttgart geboren und wuchs in Süddeutschland und Hamburg auf. Er studierte Politische Wissenschaften und Geschichte an der Universität Hamburg. Nach Aufenthalten in Rom und Amsterdam lebte er von 1986 bis 1999 in Paris. Heute arbeitet er als freier Schriftsteller und Übersetzer aus dem Französischen (Marcel Proust) und Englischen (John Dos Passos) in Berlin. 1996 erhielt er den Anna-Seghers-Preis und 2000 den Lion-Feuchtwanger-Preis. Zuletzt erschienen die Romane "Ein Garten im Norden", "Der König von Korsika" und "Das Tier, das weint".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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