Doron Rabinovici - Andernorts

Originaltitel: Andernorts
Roman. Suhrkamp Verlag 2010
285 Seiten, ISBN: 3518421751

Auf dem Rückweg von Tel Aviv nach Wien konnte Ethan Rosen an sich ein schon bekanntes Phänomen wahrnehmen: dass er sich für den dicken Mann in der schweren Kleidung und den Schläfenlocken zu schämen begann, der den Platz neben ihm im Flugzeug hatte - während er, ginge die Reise in die umgekehrte Richtung, sein Umfeld genau beobachtet und jeden abschätzigen Blick mit bösem Funkeln (mindestens!) abgewehrt hätte.

Und hätte er den Nachruf auf seinen langjährigen Freund Dov Zedek auf der Reise nach Tel Aviv gelesen, wohin er geflogen war, um ebenjenen zu beerdigen, dann wäre seine Reaktion darauf vielleicht ganz anders ausgefallen. So aber liest er in dem Artikel, den eigentlich er hatte schreiben sollen, ein Zitat eines nicht genannten Wissenschaftlers - und beginnt noch im Flugzeug damit, eine wütende Replik auf diese Aussage zu verfassen.

Hat er wirklich nicht erkannt, dass das, worauf er hier so wütend reagiert, seine eigene kritische Aussage zu den Auschwitz-Gedenkreisen seines alten Freundes ist, die dieser mit Schulklassen veranstaltet hatte? Lagerfeuerromantik im KZ, hatte er geätzt, ob es wirklich das sei, was man den Kindern mitgeben wolle.

Noch während die Debatte um Nachruf und Replik im vollen Gange ist, erreicht ihn die Information über seinen Fauxpas. Und er lernt erstmals den Menschen kennen, der ihm in der nächsten Zeit noch sehr häufig und viel zu nahe begegnen sollte: Rudi Klausinger. Der nicht nur den Nachruf verfasst hatte, sondern sich auch um dieselbe Professur beworben hatte - die doch eigentlich auf ihn zugeschnitten gewesen war!

Er lasse sich nicht als Nazi beschimpfen, poltert Klausinger nun. Habe er ja auch nicht, im Gegenteil, er habe es explizit ausgeschlossen, so Rosen. Und deshalb hat jeder es implizit genauso verstanden, wie es eigentlich nicht da stand - ein wunderbares Beispiel für die Interpretationsfreude der Medien und Wissenschaftler.

Außerdem habe ja auch Klausinger einen jüdischen Vater. Wahrscheinlich zumindest, denn seine Mutter hatte ihm den Namen des Vaters nie genannt, nur seine Religionszugehörigkeit. Aber nun hat er Briefe gefunden, nun sucht er nach seinem Vater - und glaubt ihn gerade in Rosens schwerkrankem Vater gefunden zu haben. Dieser erkennt Klausigner dann auch, zum Entsetzen Rosens, als seinen Sohn an…

Und dann gibt es noch eine völlig überdrehte Geschichte von einem Rabbi, der in Felix Rosen, dem Vater, den letzten noch lebenden Sproß der Familie sieht, in die 1942 der Messias hätte geboren werden sollen. Und dieser Rabbi will nun die Mittel der Reproduktionsmedizin nutzen, um diesen Messias zu ermöglichen…

Eine völlig überdrehte Geschichte? Ja, leider.

Ich war von den ersten knapp 100 Seiten (die vornehmlich von Rosens ersten Lebensjahren, seinen Eltern, von Dov Zedek und dem Wandel der Wahrnehmung je nachdem, in welcher Gesellschaft man sich bewegt, geprägt waren) geradezu begeistert von diesem Buch. Und ich finde auch immer noch, dass der Autor ganz beiläufig viele kluge Gedanken und Beobachtungen in seinem Text unterbringt und damit auch auf durchaus charmante Weise den Finger in die Wunde legt.

Und die sich immer mehr zuspitzende Handlung hat ja auch eine Menge Situationskomik, und besticht außerdem dadurch, dass da eben auch auf Schritt und Tritt ganz alltägliche Lächerlichkeiten ans Licht befördert werden. Aber: ich mag es einfach nicht so schrill. Bei mir bewirkt zu große Übertreibung auch recht große Distanz.

Aber schon nach wenigen Tagen nach der Lektüre merke ich nun, dass diese überdrehte Rahmenhandlung vor meinem Leserauge immer mehr verblasst, und das zurückbleibt, was für mich die Essenz des Romans ausmacht: die Frage danach, wieweit wir unsere Vergangenheit kennen müssen, um die Zukunft gestalten zu können. Was Rabinovici da über das Gefühl der ewigen Fremdheit und Nicht Zugehörigkeit sagt, was er über das Gespaltensein zwischen mehreren Existenzen ganz beiläufig einfließen lässt, das fand ich wunderbar zu lesen. Daher trotzdem: eine Empfehlung!

Doron Rabinovici

Doron Rabinovici, 1961 in Tel Aviv geboren, lebt seit 1964 in Wien. Er ist Schriftsteller, Essayist und Historiker.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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