Andreas Maier - Das Zimmer

Originaltitel: Das Zimmer
Roman. Suhrkamp Verlag 2010
203 Seiten, ISBN: 3518421743

Onkel J., der geistig behinderte Onkel des mit dem Autor etliche biographische Details teilenden Ich-Erzählers, führt ein Leben zwischen völliger Entmüdigung und Eigenständigkeit. Entlang den wahrscheinlichen Stationen eines normalen Arbeitstages des Onkels entwirft der Erzähler ein Bild der hessischen Provinz Ende der Sechziger Jahre.

Der Tag, den er da beschreibt, spielt im Jahr 1969 - ein Zeitpunkt, zu dem Autor und Erzähler gerade mal zwei Jahre alt sind. Es ist also keine eigene Erinnerung dabei, fast alles ist nur so, wie es vielleicht gewesen sein könnte, wenn man die Zeit kennt, die beteiligten Personen und wie sie sich dann auch in den nächsten Jahren verhielten, wo die Erinnerung schon eher einsetzt.

Auf den ersten 50 Seiten suhlt der Erzähler sich in den Gerüchen, die der Onkel ausdünstet. Er wäscht sich nicht freiwillig, schwitzt stark, trinkt viel, raucht wie ein Schlot, und sein Zimmer im Haus der Eltern ist verbotene Zone für alle anderen.

Es ist dieses Zimmer, in dem der Erzähler nun, dreißig Jahre später, an seinem Bericht schreibt und versucht, damit nicht nur einen Bericht über die Wandlung der Region (mittlerweile eine an die Autobahnraststätte angeschlossene Ortsumgehungsstraße) sondern auch über seine Familie schreibt.

Vor der Heirat der jüngeren Schwester mit einem Rechtsanwalt hatte J. einfach nur eine Behindertenrente bezogen - doch besagter Schwager, der Vater des Erzählers, hat dafür gesorgt, dass auch J. zum Familieneinkommen beiträgt, und ihm eine Anstellung bei der Post verschafft, als Paketeschlepper.

So zynisch das in der Schilderung des Autors auf der einen Seite auch klingt - es wirkt auch so, als hätte man dem Onkel damit auch die Chance gegeben, aus der alten Versagerrolle aufzubrechen. Er ist immer noch der Depp vom Dienst, aber er geht zur Arbeit wie alle anderen, er verdient Geld, kann mit Arbeitskollegen trinken, vielleicht das eine oder andere Mal auch eine Prostituierte aufsuchen, und sich insgesamt fühlen wie ein Mensch unter Menschen, mit einer Aufgabe und einem Ziel. Dazu trägt auch die Verantwortung bei, die man ihm über ein altes Autor übertragen hat, seinen VW Variant, den er mit fast heiliger Scheu bedient und dessen Ein- und Ausfahren aus der Garage mit großem Zeremoniell begangen wird.

So ganz weiß ich bis zum Schluss nicht, was der Autor mit seinem Text eigentlich wollte. Wohin war er unterwegs? Wollte er ein Stück unrühmlicher Familiengeschichte schreiben? Sich über seinen Onkel lustig machen? Zeigen, wie man mit einem geistig Behinderten damals (nur damals?) umging? Zu Beginn war dieser Eindruck bei mir sehr stark vorherrschend. Nicht nur wurde der Onkel in den düstersten Farben und Gerüchen geschildert, es schien auch sonst nichts Schönes außerhalb zu geben.

Das wurde für mich in der zweiten Hälfte des Buches etwas besser. Da zeigt der Erzähler dann plötzlich, dass es zwischen ihm, dem "musischen" und somit ebenfalls Außenseiter der Familie, und dem Onkel durchaus auch gemeinsame Freuden geben hätte können, die Leidenschaft für den Wald, die Freude am Beobachten von Vögeln zum Beispiel.

Außerdem geht der Fokus dann auch ein wenig weg von Onkel J. allein auf die restliche Familie, auf die Nachbarschaft, auf allgemeine Beobachtungen wie die allgegenwärtige Kittelschürze und die Oberarme, die wie Brotlaibe daraus hervorragen, aber im Gegensatz zu Letzeren schon eingefallen wären. Eine Beschreibung, die auch von Thomas Bernhard hätte stammen können - das hat mich dann doch wieder ein wenig mit dem Buch versöhnt. Denn ja, auch wenn ich von meiner persönlichen ersten Begegnung mit dem Autor (Kirrilow) nicht angetan war, hatte ich ja doch gehofft, ihm mit Wäldchestag etc. eines Tages näher zu kommen.

Zweieinhalb Sterne lautet eigentlch meine Bewertung. Halbe Sterne habe ich aber nicht - und nur 2 zu geben, das wird mir dem Buch dann doch nicht gerecht.

Andreas Maier

Andreas Maier wurde 1967 im hessischen Bad Nauheim geboren. Er studierte Altphilologie, Germanistik und Philosophie in Frankfurt am Main und ist Doktor der Philosophie im Bereich Germanistik. Er lebte wechselweise in der Wetterau und in Südtirol. Andreas Maier wohnt in Frankfurt am Main.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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