Thomas Lehr - September. Eine Fata Morgana

Originaltitel: September. Eine Fata Morgana
Roman. Hanser Literatur Verlag 2010
474 Seiten, ISBN: 3446235574

Zwei Väter, zwei Töchter, zwei mal Terror - auf diese wenigen Worte könnte man den beinahe 500 Seiten umfassenden Roman von Thomas Lehr zusammenfassen. Martins Tochter Sabrina, eine der vier Stimmen des Buches, stirbt beim Anschlag auf das Worldtradecenter am 11. September 2001. Tarik ist Arzt in Bagdad, hat in Paris studiert, seine Tochter Muna hat die vierte Stimme in diesem Roman, in dem auf die Verwendung von Satzzeichen völlig verzichtet wird, Sätze kaum jemals vollständig sind und munter zwischen Gegenwart und Vergangenheit und Zukunft hin und her gesprungen wird.Tarik verliert seine Tochter bei einem Angriff auf Bagdad 2004.

Und das soll noch lesbar sein? Dabei soll man die Chance haben, einem roten Handlungsfaden zu folgen? Und die Lektüre vielleicht sogar noch zu genießen?

Ja, kann ich dazu nur sagen. Sicher, ich musste mich erstmal einlesen, es dauert ein bisschen, bis man nicht mehr unbewusst damit beschäftigt ist, nach dem Abschluss des gerade gelesenen zu suchen, oder irritiert ist, wo nun der neue Satz beginnt. Aber irgendwann geht das so unbewusst wie Atmen - und in etwa diesem Rhythmus hab ich es eim Lesen auch empfunden. Durch diesen Sprachstil schafft der Autor es, einerseits neben den Fakten, der Handlung, sehr viele Emotionen zu transportieren, aber nebenbei auch eine Fülle von Assoziationen im Unterbewussten des Lesers ablaufen zu lassen. Ich empfand das beim Lesen (großteils) als sehr bereichernd. Allerdings ist es kein Buch, in dem man mal eben fünf Seiten vor dem Schlafen lesen kann…

Aber nun zur Handlung. Im ersten Teil steuert alles auf das Attentat auf das World Trade Center hin - Sabrinas Erzählung über den jungen Mann, in den sie sich gerade verliebt hat, mit dem Hintergrund ihrer Familiengeschichte und ihrer Kindheitsvorstellung, eine Zwilingsschwester in 1001 Nacht zu haben; Martin arbeitet an einem Buch über Goethes Lieben und beschäftigt sich intensiv mit dem west-östlichen Divan, denkt zurück an seine gescheiterte Ehe, seine neue Beziehung, eine gemeinsame Reise nach Europa mit Sabrina und ebenjener Louisa; Alltag eben. Dazwischen allerdings auch immer kritische Töne über Politik, über das Befinden, als George W. Bush gewählt wurde - aber es ist ein weitgehend sorgenfreies Leben, das sie führen können, und entsprechend sorglos ist auch die Erzählung.

Anders ist es bei Tarik und Muna. Tarik erzählt davon, dass er aus Paris zurückkehrte, am Sechstagekrieg teilnahm, erzählt von der Stimmung im Land, davon, wie im Laufe der Zeit in diesem Land die Moderne wieder verschwand, wie die selbstbewussten, gut gebildeten Frauen immer weniger präsent sein durften, wie immer mehr der Schrecken die Herrschaft übernahm, immer wieder Kriege, und dann das Embargo, das so vielen Kindern das Leben gekostet hat. Und ganz nebenbei wird dann auch erwähnt, welches Land denn die Waffen geliefert hätte - ja, es ist ein wenig Geschichtsunterricht, und ja, es ist deutlich, was der Autor damit transportieren will.

Und Munas Stimme bildet die weibliche Perspektive dazu; ebenfalls die erste zarte Liebe, der falsche Mann, die zerschlagenen Hoffnungen und Möglichkeiten.

Nach dem Anschlag ändert sich der Ton bei Martin; er will verstehen, gräbt sich in alle verfügbaren Informationen ein, will wissen, was die jungen Männer dazu bringen konnte, so sehr zu hassen. Und er findet sich plötzlich seelisch vereint mit dem zweiten Mann seiner Exfrau, sie teilen den Verlust, und auch die Fragen.

Es ist ein Buch, das mir viel darüber vermittelt hat, was im arabischen Raum, speziell im Irak, in den vergangenen 40 Jahren geschehen ist, welchen Einflüssen das Land ausgesetzt war, und auch, wie die Sicht auf die eigentlichen "Befreier" denn sein könnte. Hier ist allerdings auch mein kleiner Wehmutstropfen: in diesem Teil hatte ich das Gefühl, dass Tarik seine "eigne" Stimme verliert und zu sehr dem Autor nach dem Mund spricht. Entsprechend hatte ich in diesem Bereich beim Lesen auch so manchen Hänger…

Es ist ein Buch, das unglaublich durchkomponiert ist, das sicher auch die eine oder andere Verknüpfung zu viel hat (warum muss der neue Mann von Martins Exfrau dann auch noch ein Ölmann sein usw), das mir aber trotzdem (oder auch deswegen) ausgezeichnet gefallen hat. Gefallen ist allerdings vielleicht das falsche Wort - es ist ein Buch, das mich beeindruckt hat, informiert, bereichert, inspiriert. Und angestrengt, denn dem Leser wird schon auch einiges abverlangt. Aber für mich hat sich die Anstrengung gelohnt!

Thomas Lehr

Thomas Lehr wurde 1957 in Speyer geboren. 1979 bis 1983 studierte er Biochemie in Berlin. Für seinen ersten Roman "Zweiwasser oder Die Bibliothek der Gnade" (1993) erhilet er 1994 u.a. den Rauriser Literaturpreis für die beste deutschsprachige Erstveröffentlichung und den Mara Cassens Preis des Literaturhauses Hamburg für den Ersten Roman. 1994 erschien sein zweiter Roman, "Die Erhörung", für den er 1996 den Förderpreis Literatur zum Kunstpreis Berlin erhielt. Thomas Lehr lebt in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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