Bernhard Schlink - Sommerlügen

Originaltitel: Sommerlügen
Erzählung(en). Diogenes 2010
288 Seiten, ISBN: 3257067534

Ihr ganzes Leben lang war sie davon überzeugt, sie hätte ihren Mann ja nur geheiratet, weil ihre eigentlich große Liebe sie verlassen hatte. Nun ist sie alt, die Kinder und Enkelkinder kümmern sich zwar rührend, aber irgendwie sind sie ihr fremd geworden, hat sie aufgehört, sie zu lieben. Der Ehemann hat sie schon vor vielen Jahren für eine andere verlassen - was ihr noch bleibt, ist der Gedanke daran, was hätte passieren können, wenn. Als ihre Enkeltochter sie dazu überredet, noch einmal in die Stadt zurückzukehren, in der sie einst studiert hatte, und von dieser traurigen Liebe hört, arrangiert sie ein Treffen - für die Großmutter der Augenblick, in dem sie sich eingestehen muss, sich nicht länger hinter den Entscheidungen anderer verstecken und sie für das gefühlte Scheitern ihres Lebens verantwortlich machen zu können.

Eine weiter Erzählung handelt von einem Schriftstellerpaar, das sich aus dem umtriebigen New York in ein abgelegenes Bauernhaus in Vermont zurückzieht. Sie, die Frau, ist die deutlich erfolgreichere von ihnen beiden. Und war zuletzt - weil so gefragt - so viel unterwegs gewesen, dass sie kaum noch Zeit für ihren Mann und die kleine Tochter hatte. Und auch nicht mehr wirklich zum Schreiben kam - daher dieser Rückzug aus dem öffentlichen Leben. So weit geht der, dass nicht mal die New York Times mehr ins Haus kommt; nur der Mann liest sie samstags im Cafe, wenn er in die Stadt fährt, um die Vorräte aufzufüllen. Dort entdeckt er dann auch, dass seine Frau wahrscheinlich den Pulitzer erhalten wird; und schon ab dem Moment beginnt er, die Isolation absolut zu machen. Keiner soll die Möglichkeit haben, seine Frau von dem Preis zu verständigen, keiner sie wieder weglocken aus der idyllischen Ruhe, die sie sich gemeinsam eingerichtet hatten. Telefon, Internet, Straße - er schafft es, alles abzuriegeln. Doch dann ist sie mit ihrem Buch fertig - und will raus, zumindest in die Stadt, eigentlich nach New York, die Stille ist jetzt genug - das kann er nicht zulassen, er muss es verhindern, sonst wären doch alle seine Lügen umsonst gewesen…

In einer anderen Geschichte verliebt sich ein rekonvaleszierender Flötist in eine steinreiche Erbin. Gut, wie reich sie ist, wusste er zu dem Zeitpunkt nicht. Doch die Liebe ist groß, und so beschließen sie, den Rest des Lebens gemeinsam zu verbringen. Doch zuvor muss er noch einmal in seine alte Wohnung, sein altes Leben zurück - und stellt fest, dass er es nicht so einfach aufgeben will. Aber da er ihr nie davon erzählt hat, findet er den Bogen nicht, beide Ebenen zusammenzufügen…

Oder aber der Mann, der für einen Sommer noch einmal alle Kinder und Enkel um sich herum versammelt hat, mit ihnen Zeit verbringen will (was er in den Jahren seiner Berufstätigkeit oft genug nicht gemacht hat). Und dann, wenn es am schönsten ist, dann will er den Cocktail schlucken, den er schon bereitgestellt hat, und friedlich einschlafen. Im Kreise seiner Lieben, die dennoch nichts von seinem Zustand wissen. Doch ganz so geht der Plan nicht auf…

Ich war bei manchen der Erzählungen (wie zB der mit der isolierten Pulitzerpreisehefrau) dann schon etwas irritiert, dass als Autor tatsächlich Bernhard Schlink dahinter stehen sollte. Gut, es ist in seinem sehr gut lesbaren, prägnanten Stil geschrieben, doch inhaltlich fühlte ich mich eher an John Irving mit seinen skurillen Begebenheiten erinnert.

Auch wenn man davon absieht, dass mir Erzählungen meist zu kurz sind - ein Umstand, der bei Schlink eher nicht zum Tragen kommt, weil seine Erzählungen einerseits relativ lang, aber vor allem auch mit klassischem Spannungsbogen von Anfang bis Ende mit Höhepunkt erzählt sind - war ich mit diesen Geschichten nur bedingt zufrieden.

Schlink hatte sich für mich davor damit ausgezeichnet, dass er sich in meiner Lebenswirklichkeit aufhielt, irgendwie, wenn auch vielleicht oft nur am Rande.

Hier aber sind es nur Schriftsteller, Rechtsanwälte, wohlhabende Menschen mit dem einen oder anderen Problemchen, das auch noch so geschildert ist, dass ich mir immer wieder dachte: und warum redet ihr nicht miteinander?

Ich habe sie dennoch gerne gelesen, diese Geschichten, es liest sich ja leicht und angenehm, Schlink kann gut erzählen und macht es dem Leser ja auch leicht, baut weder Verständnis- noch Sprachhürden auf, die zu überwinden wären. Aber im Gegensatz zu seinem ersten Erzählungsband, "Liebesfluchten", an den ich mich immer noch sehr gerne erinnere, werden die Geschichten aus diesem Band hier nicht lange präsent sein für mich.

Bernhard Schlink

Bernhard Schlink - Student in Heidelberg und Berlin, wissenschaftlicher Assistent in Heidelberg, Darmstadt, Bielefeld und Freiburg. Promotion 1975 (Abwägung im Verfassungsrecht, 1976), Habilitation 1981 (Die Amtshilfe. Ein Beitrag zu einer Lehre der Gewaltenteilung in der Verwaltung, 1982). Professor in Bonn, Frankfurt und seit 1992 an der Humboldt-Universität zu Berlin. 1993 Gastprofessor an der Yeshiva-University New York. Gemeinsam mit Bodo Pieroth Autor des Lehrbuchs "Grundrechte" (11. Auflage 1995). Von 1988 - 2005 Richter des Verfassungsgerichtshofs für das Land Nordrhein-Westfalen.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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