Anna Mitgutsch - Wenn du wiederkommst

Originaltitel: Wenn du wiederkommst
Roman. Luchterhand Literaturverlag 2010
272 Seiten, ISBN: 3630873278

Sie hatten sich, nach vielen Jahren der Ungewissheit, endlich wieder dafür entschieden, den Rest des Lebens gemeinsam zu verbringen. Trotz der Scheidung vor 15 Jahren waren sie immer noch ein Paar geblieben, mehr oder weniger, auch wenn Jerome immer wieder auch andere Optionen, also andere Frauen, andere Beziehungen, ins Spiel gebracht hatte.

Im Herbst sollte sie wieder zu ihm kommen, diesmal für länger, so hatten sie es beim letzten Treffen geplant. Doch kurz darauf stirbt Jerome an einem Herzinfarkt - und Anna muss zusehen, wie sie ihr Leben und das Gefühl der vertanen Chancen in den Griff bekommt.

Schon die Trauerfeier in Boston gerät zu einer zusätzlichen Belastungsprobe. Es wird Schiva gesessen, jeden Tag kommen Freunde, Familie, die eigentlich mit trauern - und doch ihr die Trauer nicht zugestehen, weil sie ja nur die Exfrau ist, gerade noch akzeptiert, weil sie die Mutter seiner Tochter ist.

Die Papiere ordnet Jeromes Bruder (sie hat ja keinen Status) - aber sie übernimmt die Auflösung des Haushalts für Ilana, die Tochter, und lebt dabei noch einmal die guten wie auch die dunklen Phasen dieser Beziehung noch einmal durch.

Als Leser wird man dann mit genommen in eine Liebe, die zwar konventionell mit einem Eheversprechen besiegelt wurde, in der aber ein Part ein größeres Freiheitsbedürfnis verspürte. Anna sieht auch auf den Bildern jener Zeit, wie sie in der doch eigentlich glücklichen ersten Zeit als Familie mit kleinem Kind fast zu verschwinden drohte, weil sie sich so sehr zurückgenommen hatte, so sehr angepasst.

Ihr Wunsch war der nach dem sicheren Hafen, von dem aus sie immer wieder aufbrechen und für einige Zeit weggehen konnte, um zu schreiben, ihre eigene Karriere voran zu treiben. Er konnte das bald nicht mehr akzeptieren, daher dann die Trennung - die so endgültig dennoch nicht werden konnte, weil die Liebe zueinander nicht ebenso einfach aufhören wollte, weil sie sich zu viel zu geben hatten, auch wenn der Preis manchmal unverhältnismäßig hoch war.

Ich habe dieses Buch, wie auch andere der Autorin, wieder mit großer Empathie gelesen; sie beschreibt eine schwierige Beziehung, die abrupt beendet wurde, und man merkt am Text, dass das eine Trauer ist, die sie auch selbst erlebt hat. In einer Sprache, die feinste Schwingungen zwischen den Protagonisten wiedergeben kann, dröselt sie ein Leben, eine Liebe auf. Auch wenn man als Leser nur ihre Perspektive kennen lernt, Jerome dadurch zu Beginn vielleicht als egoistischer, rücksichtsloser erscheint, merkt man doch bald, dass hier jemand schreibt, der immer auch versucht hat, die andere Seite wirklich zu verstehen.

Es gibt Passagen in diesem Buch, die haben mir die Luft genommen, so intensiv wurde ich in die Erlebniswelt der Ich-Erzählerin geworfen.

Nicht das ganze Buch besitzt diese Dringlichkeit. Und ganz an die Wucht des zuvor erschienenen Romans, "Zwei Leben und ein Tag", kam dieser für mich auch nicht heran. Doch es ist ein großer Roman über Trauer und Abschied von einem geliebten Menschen und der Tatsache, dass Liebe alleine manchmal nicht ausreicht, um das Leben zu zweit auch wirklich zu meistern. Auch wenn ich den Buchtitel schrecklich finde (viel zu kitschig, passt überhaupt nicht zum Stil) - Eine Empfehlung!

Anna Mitgutsch

Waltraud Anna Mitgutsch wurde 1948 in Linz geboren und lebt dort. Sie unterrichtete Germanistik und amerikanische Literatur an zahlreichen ausländischen Universitäten, lebte und arbeitete viele Jahre in den USA und lebt seit einigen Jahren abwechselnd in Linz und Boston.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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