Paul Auster - Unsichtbar

Originaltitel: Invisible
Roman. Rowohlt Verlag 2010
320 Seiten, ISBN: 3498000810

Es war eine dieser Partys mit viel Alkohol, Gras und sehr intellektuellen Gesprächen. Und sie wäre Adam Walker wohl nicht in Erinnerung geblieben, hätte er nicht gegen Ende ein französisches Paar kennen gelernt, die schöne - und stille - Margot und Rudolf Born, der an der Columbia ein Gastsemester abhält. Rasch ist er fasziniert von Rudolf - und als dieser ihm dann auch noch den Vorschlag macht, eine literarische Zeitschrift ins Leben zu rufen, die er, Rudolf, finanzieren, und Adam herausgeben sollte, hält er es erst für eines dieser üblichen Partyversprechen.

Doch er trifft Rudolf wieder. Und erhält von ihm einen Blankoscheck - ein großer Vertrauensvorschuss. Und spätestens jetzt wird Adam auch klar, dass es eine Seite an Rudolf gibt, die er nicht einzuschätzen vermag - ein destruktiver, brutaler Charakterzug, der ansonsten nur sachte durchschimmert und Rudolf viel von seiner Anziehungskraft verleiht. Rudolf ist ein Mann, der über Leichen geht - buchstäblich. Und als Adam miterlebt, wie Rudolf einen Mann, der sie beide ausrauben will, kurzerhand tötet, bricht eine ganze Welt für ihn zusammen.

Denn es ist nicht nur die Tatsache, dass er Augenzeuge eines Mordes war, die ihn fassungslos macht. Viel schlimmer wiegt eigentlich, dass er, ein überzeugter Pazifist, nichts dagegen unternommen hat, ja, nicht einmal in der Lage ist, Rudolf entsprechend den Behörden zu melden.

Nach diesem Erlebnis bleibt seine Welt aus den Fugen. Wie er, viele Jahre später, an seinen alten Studeinfreund schreibt, dem er auch den Bericht über diesen Mord zum Lesen schickt, brechen für ihn dann noch weitere Tabus auf. Seine schöne Schwester zieht für einen Monat bei ihm ein, und mit ihr erlebt er eine Nähe und Intensität, die zwischen Geschwistern nicht vorgesehen ist. Und die ihn dann nach Paris treibt - ausgerechnet in die Stadt, in der Rudolf nun wieder lebt.

Es ist einer dieser auster´schen Zufälle, der die beiden wieder aufeinandertreffen lässt - und in Adam einen Plan reifen lässt, der nur schief gehen kann…

Wer Paul Auster kennt hat das Phänomen vielleicht schon häufiger erlebt: man liest ein Buch, ist während des Lesens sher angetan, findet immer wieder spannende Gedanken - und beim näheren Nachdenken stellt man fest, dass es Ungereimtheiten gibt, da und dort auch stilistische Mängel. Je nachdem, wie gut es gelungen ist, dass der Autor im Leser etwas zum Klingen gebracht hat, wiegen diese Mängel leichter oder schwerer.

Da für mich die Thematik des Infragestellen des eigenen Ichs, die Zerstörung des Selbstbilds, voll ins Schwarze getroffen hat, denke ich an dieses Buch nach wie vor mit großer Begeisterung zurück. Nach etlichen Titeln des Autors, die mich nur mäßig angesprochen haben, nun wieder ein Buch, mit dem er mir seine Könnerschaft bewiesen hat.

Paul Auster

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University und verbrachte danach einige Jahre in Paris. Heute lebt er in Brooklyn. Er ist mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet und hat zwei Kinder

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©03.09.2010 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing