Hans Joachim Schädlich - Kokoschkins Reise

Originaltitel: Kokoschkins Reise
Roman. Rowohlt Verlag 2010
192 Seiten, ISBN: 3498064010

Die Fahrt mit der Queen Mary II zurück nach Amerika ist der Abschluss einer Reise, die Fjodor Kokoschkin in Begleitung eines alten Freundes an entscheidende Stationen seines Lebens geführt hatte.

1918 waren seine Mutter und er vor den Bolschewiken aus Petersburg nach Odessa geflohen, nachdem sein Vater getötet worden war. Das ist dann auch die erste Station der Nostalgiereise, doch noch bevor Kokoschkin tatsächlich die Orte seiner Vergangenheit wieder besucht hat, beschließt er abzureisen, weiter nach Berlin, wohin er Anfang der Zwanziger dann mit seiner Mutter kam, nachdem sie zuvor im ukrainischen Odessa erneut das Eintreffen der Bolschewiken nicht abwarten wollten.

Berlin - das ist eine Pension am Viktoria-Luise-Platz, das ist ein Winter in Saarow im Gefolge von Maxim Gorki, und das ist dann für einige Jahre ein Gymnasium in Templin. Da ist seine Mutter dann schon weitergezogen nach Paris, da das Klima für Exilrussen in Berlin sich wieder zuspitzte.

Dennoch entscheidet Kokoschkin sich nach dem Abitur, in Berlin zu studieren. Ohne Geld und Unterkunft, ohne Ausbildung, schafft er es dennoch in dieser von Arbeitslosigkeit und Armut geprägten Zeit, eine Anstellung als Hilfsgärtner im Botanischen Garten zu erhalten. Und auch noch eine Frau kennen zu lernen, die ihm erst Unterkunft verschafft, und zu seiner ersten Liebe wird.

Doch Anfang der Dreißiger Jahre kommen die Nazis endgültig an die Macht - und da Kokoschkin langsam ein Gespür dafür entwickelt, wann totalitäre Diktaturen der Freiheit ein Ende setzen, setzt er sich ab nach Prag, um dort weiter zu studieren, und von dort aus dann mit viel Glück und Unterstützung (wobei ihm die Bekanntschaft mit wichtigen russischen Exilrussen sehr von Nutzen ist) weiter nach Amerika, nach Boston, das er dann als Heimat erlebt.

Einmal noch kommt er in den Jahren vor seiner Reise nach Europa: 1968 nach Prag. Und zwar ausgerechnet am Vorabend der Niederschlagung des Prager Frühlings…

All dies erfährt der Leser eingebettet in die Berichte über den Alltag auf der Queen Mary II - lange Aufzählungen über die gewählte Speisenfolge aller Tischgäste, langweilige Tischgespräche ("Bei Tisch wird nicht über Politik gesprochen") - ein Rahmen, der mit Hinweisen auf 9/11 versucht, einen Bogen zu schlagen von den bekannten Umstürzen der Vergangenheit zur Gegenwart.

Ich hatte durchaus meine Probleme bei der Lektüre des Buches, ich war nicht durchgehend begeistert. Die knappe, nüchterne Erzählweise lies gerade zu Beginn für mich kaum Empathie mit den Protagonisten aufkommen, die fortwährende Erwähung berühmter Exilrussen jener Zeit empfand ich teilweise als Namedropping. Aber dann war dieser Kokoschkin im Internat in Templin, und der Autor hat sich eine kleine Abweichung von der sonst recht fragmentarischen Erzählweise gestattet. Mit wenigen Worten war ich nun dabei in diesen Schuljahren und danach beim Beginn der Studienzeit in Berlin. Dieser Mittelteil hat mich wirklich begeistert.

Dass Kokoschkin dann ausgerechnet 1968 erneut in Prag ist, (warum? Das bleibt ein Rätsel) war für mich hingegen recht aufgesetzt. Ein weiteres Mal sollte wohl Kokoschkin zum Weggehen gezwungen werden.

Ein interessantes, schmales Büchlein, das mir gerade im Berlinteil noch die eine oder andere Facette über das Leben in jener Zeit geliefert hat.

Hans Joachim Schädlich

Hans Joachim Schädlich, geb. 6.10.1935 in Reichenbach im Vogtland, ist nach dem Protest gegen die Biermann-Ausbürgerung 1977 nach Westdeutschland ausgereist. Er wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet. Seine Tochter Susanne Schädlich ist ebenfalls Schriftstellerin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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