Michael Köhlmeier - Madalyn

Originaltitel: Madalyn
Roman. Hanser Literatur Verlag 2010
172 Seiten, ISBN: 3446235973

Schon vor Madalyns Geburt hatte der Erzähler dieser Geschichte, der Schriftsteller Sebastian Lukasser, versucht mit deren Mutter ein paar nette Worte zu wechseln - Herr und Frau Reis waren gerade frisch eingezogen - und die Vorfreude des ganzen Hauses auf ein bisschen Kinderleben zu äußern. Doch so reserviert, wie sie ihm bei dieser ersten Begegnung erscheint, erlebt er sie auch weiterhin.

Nur das Mädchen, Madalyn, sieht er häufig. Oft spielt sie allein im Treppenhaus, sie ist lebendig und verwickelt ihn immer gerne in ein Gespräch. Und als sie dann mit fünf Jahren einen Fahrradunfall erleidet und Lukasser sie ins Krankenhaus begleitet und, da die Eltern stundenlang nicht zu erreichen sind, bei ihr bleibt, ist er für sie der Lebensretter. Schon da erscheint ihm das Verhältnis zu den Eltern seltsam kalt.

Als Madalyn dann fast vierzehn ist, erlebt sie die erste große Liebe. Und sie zieht Lukasser ins Vertrauen, auch in dem Wunsch, dieser möge vermitteln, der Mutter Zugeständnisse abringen. Denn mit der Mutter läge alles ganz im Argen - und nach dem, was Lukasser selbst erfahren hat, und dem, was er nun erzählt bekommt, ist es für ihn keine Frage, Madalyn Glauben zu schenken.

Doch mit dem Vertrauen auf den Wahrheitsgehalt des Erzählten ist es so eine Sache. Das muss erst Madalyn selbst merken, als sie iimmer wieder erlebt, dass Moritz es mit der Wahrheit nicht so genau nimmt, ja, dass er sogar eine sehr ausgesprägtes Talent dafür entwickelt hat, seine Geschichten so zu erzählen, dass sie geglaubt werden. Er nimmt ein, zwei Details, die stimmen, und baut die Unwahrheit geschickt ein.

Und auch Lukasser kommen so seine Zweifel - allerdings erst, als er schon ernste Konsequenzen auch für sich selbst fürchten muss…

Es ist eine ausgezeichnet erzählte Geschichte über eine erste Liebe, mit all den Schmerzen und Höhenflügen, die damit verbunden sind. Es ist auch eine schmerzhafte Geschichte über eine Eltern/Kind-Beziehung, die - auch wenn sie durch die Erzählung aus Tochterperspektive etwas verzerrt und verschärft ist - man so nicht führen möchte, die einem beim Lesen Gänsehaut verursacht ob der Kälte, die da herrscht. Und es ist eine Geschichte übers Erzählen, erzählt von einem, der sich schon in seiner Nacherzählung der klassischen Sagen des Altertums damit beschäftigt hat, was das Wesen einer Geschichte ausmacht und wie sie erzählt werden soll.

Ein kurzer Roman, der mich ausgezeichnet unterhalten hat, Stoff zum Nachdenken bietet und sich zudem einfach richtig gut liest. Eine Empfehlung!

Michael Köhlmeier

Michael Köhlmeier wurde 1949 in Hohenems / Vorarlberg (Österreich) geboren, wo er auch heute noch lebt. Er schrieb zahlreiche Drehbücher, Hörspiele, Theaterstücke. Bekannt wurde er unter anderem durch eine Radiosendung, in der er die Sagen des klassischen Altertums neu erzählt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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