Andrea de Carlo - Als Durante kam

Originaltitel: Durante
Roman. Diogenes 2010
496 Seiten, ISBN: 3257067437

Er taucht eines Tages einfach auf, wie aus dem Nichts - und bewegt sich mit einer Selbstverständlichkeit in ihrem Umkreis, als wäre er immer schon da gewesen.

Durante ist ein Mann, der nichts von Diplomatie hält, der allen sagt, was er über sie denkt, auch wenn es schmerzhaft sein sollte. Und er ist ungeheuer intensiv, in jedem Augenblick authentisch. Weltliche Güter bedeuten ihm nichts; er gibt mit vollen Händen, was er hat, und kann auch mit so gut wie nichts auskommen.

Die Frauen im Tal verfallen seinem Charme der Reihe nach - auch Astrid, die Freundin des Erzählers dieser Geschichte, Pietro. Fassungslos sieht er mit an, wie seine sonst so vernünftige Österreicherin fasziniert ist von einem Mann, den er selbst nur als verantwortungslos und exzentrisch wahrnimmt.

Pietro und Astrid haben sich eine bescheidene Existenz als Textilweber aufgebaut. Ihr Leben ist bestimmt von gleichförmigen Tagen, von gemeinsamer Arbeit, dem Marktbesuch im nächstgelegenen Städtchen am Wochenende - und ja, Pietro war bislang durchaus der Meinung, sie wären zufrieden, vielleicht sogar glücklich. Obwohl es da auch noch Ingrid gab, Astrids Schwester - jedesmal, wenn sie zu Besuch kam, fühlte Pietro sich mehr zu ihr hingezogen, sah die Unterschiede zur Schwester deutlicher. Und nun ist sie wieder hier - aber anders als bei früheren Besuchen ist das gute Verhüältnis der Schwestern rasch gestört, als Ingrid beginnt, mit Durante auszugehen - und sowohl Astrid als auch Pietro ihrer Eifersucht kaum Herr werden können.

Das bisher so gleichförmige Leben gerät in Bewegung - Astrid und Pietro sprechen beide Dinge aus, die sie bisher wohlweißlich unter Verschluss gehalten hatten. Als Durante weiter zieht und Astrid kurz darauf zum lange geplanten Österreichaufenthalt aufbricht, ist für beide nur schwer vorstellbar, wie es danach weitergehen wird.

Doch Durante kommt zurück. Und diesmal ist es Pietro, der sich der freien Art des Vagabunden nicht entziehen kann, der ihm den Gefallen, ihn nach Genua zu bringen, auch wenn es ein Umweg über mehrere hundert Kilometer ist, nicht abschlagen kann. Es wird eine Reise, die ihm den Preis der Freiheit zeigen wird…

Menschen wie Durante (allerdings kenne ich da nur eine deutlich abgeschwächte Form) faszinieren unter anderem auch dadurch, dass sie sich so vorbehaltslos auf ihr Gegenüber einlassen, an jedem Menschen das entdecken, das interessant und liebenswert ist. Sie geben einem ein ganz besonderes Gefühl - allerdings nicht nur einem selbst, sondern auch der nächsten Blüte am Wegesrand. Verbindlichkeit, Treue, ein fester Tagesablauf - das alles steht dem Wesen eines Durante entgegen. Dass grenzenlose Freiheit trotz aller damit verbundenen Vorteile auch grenzenlose Einsamkeit bedeuten kann, das hat der Autor in diesem Buch auf wunderbare Weise dargestellt.

Mit leichter Hand führt er uns erst in eine relativ geschlossene Gesellschaft ein, der das Aufbrechen durch Durante viele für den Leser erheiternde Momente verdankt. Hätte das Buch nach Durantes erstem Verschwinden geendet, ich hätte es als belanglos beiseite gelegt. Doch Durante kommt zurück, und diesmal blickt man tiefer - und kann vielleicht die eine oder andere Lebenserfahrung auch für sich selbst vergleichen. Eine Empfehlung!

Andrea de Carlo

Andrea de Carlo wurde 1952 in Mailand geboren. Nach Aufenthalten in den USA und Australien schrieb er seinen ersten Roman "Creamtrain" der - von Italo Calvino entdeckt - ein internationaler Bestseller wurde.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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