Markus Stromiedel - Feuertaufe

Originaltitel: Feuertaufe
Krimi. Knaur Verlag 2010
496 Seiten, ISBN: 3426501147

In Kreuzberg wird ein Anschlag auf ein Mietshaus verübt - nur ein kleiner Junge überlebt, schwer traumatisiert. In Polizeikreisen steht man vor einem Rätsel: der Anschlag wurde so professionell durchgeführt, dass er nicht, wie man vermuten würde, der rechten Szene zugeordnet werden kann, und bislang hat sich noch keine Organisation dazu bekannt. Um zumindest die aufgebrachte Bevölkerung ein wenig in Sicherheit zu wiegen, wird Kommissar Paul Selig als Ermittler hinzugezogen, der schon einmal fast im Alleingang einen schweren Fall gelöst hatte.

Nur: wie Selig bald feststellen darf, hat er nur eine Alibifunktion. Wirklich ermitteln soll er nicht, dafür ist dann eher die neu gegründete Antiterroreinheit zuständig, die hier ihre Bewährungsprobe erhält. Dass es Teile dieser Einheit laut Gesetz noch gar nicht gibt, sondern vom Innenminister quasi schon vorbereitend für den Gesetzesentwurf, den er nun durchzusetzen gedenkt, ins Leben gerufen wurde - was spielt das schon für eine Rolle!

Dabei demonstrieren zu dieser Zeit viele Menschen gegen die neuen, verschärften Sicherheitsbestimmungen, die dem Staat immer mehr Einblick und Zugriff auf ihre Daten erlauben. Mit dabei ist auch Tobias, Paul Seligs Sohn. Und er scheint sich einer radikalen Gruppe angeschlossen zu haben - darauf deutet zumindest die Waffe hin, die Selig zufällig in Tobias Jacke entdeckt und auf Verbindungen prüfen lässt.

Während Selig also an zwei Fronten kämpft, wird ohne sein Wissen schon an seinen Daten manipuliert - und kurz darauf ist er nicht mehr Jäger, sondern Gejagter, und auf die Hilfe seines Sohnes angewiesen…

Auch wenn ich zu Beginn etwas skeptisch war und die Figurenzeichnung mir ein wenig zu schwarz/weiß erschien, haben mich erstmal die Nebensächlichkeiten in diesem Buch in den Bann gezogen. Das Berlin, dass der Autor hier beschreibt, liegt in einer nahen Zukunft. Gewisse Bezirke, wie Marzahn oder Neukölln, wurden "aufgegeben", hier herrscht das Gesetz der Straße. Die S-Bahn fährt nur noch mit den alten DDR-Zügen, weil die chicen modernen Züge, die nach der Wende angeschafft wurden, an technischen Gebrechen leiden, für deren Behebung das Budget nicht ausreicht… was jemandem, der aktuell auf den Berliner ÖPNV angewiesen wird, sicher nicht zu abwegig erscheint.

Der Spannungsaufbau ist gelungen, der Leser wird sehr deutlich auf die Gefahren, die aus einer immer stärkeren staatlichen Überwachung resultieren können, hingewiesen. Dazu kommen noch die persönlichen Verwicklungen des Personals, das wohl schon im ersten Band auftrat, den ich leider nicht gelesen habe. Zum Verständnis der Handlung ist er nicht zwingend nötig, aber ich hatte schon immer mal wieder den Wunsch, die Anspielungen auf vorhergehende Probleme doch auch verstehen zu können.

Insgesamt ein solider, gut gemachter Politthriller, den ich mit großem Vergnügen gelesen habe und gerne weiterempfehle. Ich werde sicher noch den ersten Band lesen und bin außerdem auf weitere Fälle gespannt. Intelligente Unterhaltung!

Markus Stromiedel

Markus Stromiedel schrieb als Journalist für die ZEIT und die Frankfurter Rundschau, bevor er in die Filmbranche wechselte. Er war Chefdramaturg bei der Bavaria Film, Creative-Producer für Columbia TriStar und Writing-Producer für Studio Hamburg. Seit 1999 schreibt er als freier Autor Drehbücher. Die Figur des Kieler Tatort-Kommissars Klaus Borowski stammt aus seiner Feder.

Auszug aus dem Titelverzeichnis:





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