Joseph O´Neill - Niederland

Originaltitel: Netherland
Roman. Rowohlt Verlag 2009
320 Seiten, ISBN: 3499252279

Als Hans van den Broek vom gewaltsamen Tod seines New Yorker Freundes Chuck Ramkissoon erfährt, lebt er bereits seit zwei Jahren wieder in New York, gemeinsam mit seiner Frau Rachel und dem gemeinsamen Sohn Jake. Doch damals, 2002, als er Chuck erstmals beim Cricket getroffen hatte, war das Loft in Tribeca, das er mit seiner Familie bwohnt hatte, zwar schon wieder freigegeben, doch sie hatten sich nicht entschließen können, dahin zurückzugehen, sondern sich im legendären Chelsea Hotel eingemietet. Und Rachel hatte kurz darauf beschlossen, mit Jake zurück nach England zu gehen, ihnen eine Pause verordnet, die Hans benommen zurückließ.

In diesem Zustand treibt er durch die Stadt, die vom vorangegangenen Schlag noch ebenso benommen ist. Während er um sich eine zunehmende Solidarisierung durch die Krise erlebt, als hätten die Menschen nur darauf gewartet, sich endlich wieder klar und leidenschaftlich gegen etwas zu engagieren, bleibt er in einer ambivalenten Haltung verhaftet - die ihm auch von seiner Frau zum Vorwurf gemacht wird.

Stattdessen wird er, fast zufällig, Mitglied eines Cricketteams, das hauptsächlich von Einwanderern aus Westindien und Pakistan zusammengesetzt ist. Der Sport, die selbstverständliche Kameradie mit Männern, die er als Analyst einer Investmentbank sonst eher als Trinkgeldaspiranten wahrgenommen hätte, geben ihm auf eine ganz eigentümliche Weise Halt in dieser Zeit.

Und dann ist da noch Chuck. Chuck mit den verrückten Ideen und dem Willen und der Energie, sie auch umzusetzen. Dem Traum von einer Welle der Cricketbegeisterung die er in den USA anfachen wollte. Ein Mann also, der sich zu verkaufen weiß, der mit einer unersättlichen Wissbegierde und dem Hang zum Dozieren durch die Welt geht und seine Umgebung mitzureißen versteht - aber auch zu brüskieren…

Für mich war dieser Roman, den ich als sehr still und unaufgeregt empfunden habe, ein sehr lebendiges Stimmungsbild der Jahre nach 2001. In kleinen Nebensätzen, in vielen Episoden lässt der Autor für mich die Diskussionen und Empfindungen wieder auferstehen, die vor allem in der ersten Zeit nach dem Anschlag von 9/11 nicht nur in NY vorherrschend waren.

Es sind ganz allgemein die Kleinigkeiten, die diesen Roman für mich so lebendig sein lassen. Und diese kleinen Details, das Wissen um "überflüssige" Dinge, das steuert hier meist Chuck bei, der dann eben zB Bescheid weiß über die kleinen Brände, die aufgrund des ausgesprochen kalten Winters in den Kabelleitungen entstehen. Andere, wie der große Stromausfall, erlebt Hans selbst mit.

Die Handlung wird nicht stringent erzählt, die Zeit- und Erinnerungsebenen fließen ineinander, aber in einer für mich sehr stimmigen Weise. So weiß man ja auch von Beginn an um den gewaltsamen Tod des charismatischen Chuck, man weiß auch, dass die Ehekrise offensichtlich zumindest soweit behoben ist, dass das Paar wieder zusammenlebt. Und doch spielt das gar keine so große Rolle, weil es die kleinen, ganz alltäglichen Ereignisse und Entscheidungen sind, auf die es ankommt, und die ich als Leser mitverfolgen wollte.

Kurzum: mich hat dieser Roman trotz einiger Vorbehalte, die ich hatte (was interessiert mich denn Crickett, um nur eines zu nennen) sehr angesprochen und hallt mit vielen kleinen Szenen noch in mir nach. Eine Empfehlung!

Joseph O´Neill

Joseph O´Neill wurde 1964 als Sohn eines Iren und einer Türkin in Cork geboren und wuchs in Holland auf. Er studierte Jura in Cambridge und arbeitete als Anwalt in London. Später ließ er sich als freier Autor in New York nieder. O´Neill ist verheiratet und hat ein Kind.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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