Per Petterson - Ich verfluche den Fluss der Zeit

Originaltitel: Jeg forbanner tidens elv
Roman. Hanser Literatur Verlag 2009
240 Seiten, ISBN: 3446234209

Ein Leben lang hatte seine Mutter, eine starke Raucherin, sich davor gefürchtet, davon Lungenkrebs zu bekommen. Die Diagnose "Magenkrebs" wirft sie erstmal aus der Bahn - so sehr, dass sie ein paar Tage allein sein will, sich ins Ferienhaus in ihrer dänischen Heimatstadt zurückziehen will.

Arvid, ihr 37jähriger Sohn, steckt selbst gerade in der Krise. Seine Jugendliebe und Mutter seiner beiden Töchter will sich von ihm trennen - ein Umstand, der ihn alle Kraft kostet. Als er von der Erkrankung der Mutter erfährt, bricht er Hals über Kopf auf zu ihr, ohne sich eigentlich klar zu machen, wie er ihr den helfen soll.

Und ob sie diese Hilfe denn überhaupt will - schließlich hatte sie nicht umsonst darum gebeten, ein paar Tage allein zu sein. Um auch einen Teil ihrer eigenen Geschichte aufzuarbeiten, unterstützt nur von ihrem besten Freund in Dänemark.

Doch Arvid, immer schon Sorgenkind, lebt auch hier wie sonst: impulsiv, unbedacht, und kreist um sein waidwundes Ich, auch wenn er wirklich und ernsthaft vorhatte, anderen beiseite zu stehen.

Es ist ein ambivalentes Verhältnis, das er zur Mutter hat - er, der angeblich der einzig geplante der Brüder ist, ist auch der, der schon optisch aus der Menge heraussticht, der sich immer ein wenig abseits, nicht zugehörig fühlt. Und als er in jungen Jahren seine beruflichen Chancen zugunsten eines Engagements für die kommunistische Partei aufgibt, scheint der Bruch beinahe unheilbar.

Ein Teil der Geschichte kommt dem Leser, der bereits "Im Kielwasser" gelesen hat (und sogar auch "Sehnsucht nach Sibirien") sicher bekannt vor. Hier wie da ist es ein kompliziertes Kind/Eltern-Verhältnis, die Lebensdaten des (gleichnamigen) Protagonisten stimmen überein, nur die Tragödie ist diesmal eine andere.

Es sind stellenweise sehr intensive Beschreibungen, auch wenn ich die ständigen Zeitsprünge als anstrengend und manchmal auch zu gewollt empfunden habe; im Vergleich zum "Kielwasser" gab es einerseits zwar weniger Passagen, die ich gar nicht mochte, aber dafür hat mir auch die behutsame Schönheit der Kindheitsrückblicke gefehlt.

Per Petterson

Per Petterson, geboren 1952 in Oslo, ist ausgebildeter Bibliothekar und arbeitete als Buchhändler und Übersetzer, bevor er sich als Schriftsteller etablierte. Für seien Roman "Pferde stehlen" wurde er mit dem Independent Foreign Fiction Prize und dem IMPAC Literaturpreis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©01.02.2010 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing