Ann Cleeves - Totenblüte. (Vera Stanhope)

Originaltitel: Hidden Depths
Krimi. Rowohlt Verlag 2009
400 Seiten, ISBN: 3499253151

Beschwingt-beschwipst kam Julie Anderson an diesem Mittwoch abend nach Hause - seit sehr langer Zeit wieder ein Abend, an dem sie ausgegangen war, tanzen war, das Gefühl hatte, noch als Frau attraktiv zu sein und sich auch ein wenig verliebt hatte. Doch der Abend hätte nicht schlimmer enden können als mit dem Bild ihres toten Sohnes in der Badewanne, liebevoll mit Blumen drapiert…

Für Vera Stanhope war bei allem Mitgefühl mit Julie auch ein Hochgefühl eingetreten: es waren vertrackte Fälle wie dieser, die sie brauchte, um sich endlich wieder lebendig zu fühlen. Die alleinstehende, übergewichtige Ermittlerin, die abends zu häufig zu Bier oder Hochprozentigerem griff, war als brillianter Kopf bekannt und mit ihren Schlussfolgerungen für ihr Team oft genug so furchteinflößend, dass eigene Gedanken gar nicht erst geäußert wurden.

Doch in diesem Fall tappten sie alle im Dunkeln. Wer sollte denn ein Interesse daran haben, einen Sechzehnjährigen zu töten, der doch zwar in seinem kurzen Leben schon häufig aufgefallen war, aber doch nur, weil er zu wenig Grips hatte, sich aus bedenklichen Situationen rauszuhalten? Er war ein Sorgenkind, doch hatte er das Glück, dass seine Mutter sich entsprechend um ihn kümmerte.

Nur wenige Tage später kam es zu einem zweiten Mord - diesmal an einer bildschönen jungen Frau, und auch sie wurde mit Blumen drapiert in einem Wasserloch am Strand aufgefunden.

Neben der Ähnlichkeit der Fälle war es aber auch die kleine Gruppe an sich, die die Tote gefunden hatte, die Veras Interesse weckte: was hatten ein älterer Professor mit seiner Frau mit einem Bibliothekar, einem Tontechniker und einem Vogelpräparator zu schaffen? War es wirklich nur das Interesse für seltene Vögel, die diese Männer in so enger Freundschaft zusammenführte?

Vera und ihr Team kamen bei keinem der Lösungsansätze wirklich voran. Zwar brachten ihre Nachforschungen vor allem über das Vorleben der jungen Toten überraschende Details ans Tageslicht und unerwartete Verbindungen zum Vorschein, aber ein Motiv?

Das Motiv ist es dann auch, das ich als Auflösung ein wenig zu inszeniert empfand (daher ein Stern Abwertung) für einen ansonsten in meinen Augen gelungenen Auftakt einer neuen Krimiserie. Vor allem die Figur der Vera Stanhope birgt einiges Potential, auch wenn sie durchaus noch an der einen oder anderen Stelle ein bisschen besser gegen den Strich gebürstet werden könnte. Warum zB muss sie, da sie schon als übergewichtige, alleinstehende Frau mit kleinem Alkoholproblem geschildert wird, auch noch so wenig Wert auf ihre äußere Erscheinung legen?
Aber dessen ungeachtet empfand ich sie als sehr lebendig und vorstellbar, gerade auch mit ihrem polternden Auftreten.

Ein Krimi, den ich sehr gerne und mit Spannung gelesen habe - von mir eine Empfehlung.

Ann Cleeves

Nach Abbruch ihres Studiums arbeitete Ann Cleeves zwanzigjährig für 2 Jahre als Köchin auf der Vogelwarte auf Fair Isle. Danach arbeitete sie u a als Erzieherin und Bewährungshelferin, schrieb nebenbei Krimis. Erfolg hatte sie allerdings erst mit den Shetlandkrimis. Für Die Nacht der Raben erhielt Ann Cleeves 2006 den Duncan Lawrie Dagger Award, die weltweit wichtigste Auszeichnung für Kriminalliteratur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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