Josef Winkler - Roppongi. Requiem für einen Vater

Originaltitel:
Roman. Suhrkamp Verlag 2009
160 Seiten, ISBN: 3518461400

"Ich sage dir eines, mein Sohn. Wenn es soweit ist, ich möchte nicht, dass du zu meinem Begräbnis kommst."

Damit scheint das Verhältnis von Vater und Sohn schon hinreichend skizziert - zumindest auf den ersten Blick. In diesem zwischen Buch, das ich in keine literarische Stilrichtung so recht einzuordnen wüsste, nimmt Josef Winkler Abschied von seinem Vater, der im Kärntner Bergdorf Kamering fast 100 Jahre alt geworden war. Es war ein schwieriges Verhältnis, das die beiden zueinander hatten, geprägt von wenig elterlicher Zärtlichkeit, von viel Druck und Aufstand. Aber, und das wird hier im Text auch deutlich, es war auch eine Beziehung, auf die dennoch Verlass war. Immerhin hat Winkler immer wieder hier gelebt und gearbeitet, und zumindest nach dessen Tod ist er auch imstande, die Leistungen des Vaters zu würdigen, die unermüdliche Arbeit, die dieser geleistet hat, die Freude am Traktor, den er sich mit 95 Jahren noch gekauft hat, und auch das zwischen "Mach mir keine Schande" und Fürsorge für den mittlerweile erwachsenen Buben schwankende Verständnis für dessen literarische Arbeit.

Die Nachricht vom Tod des Vaters erreicht Winkler während einer Lesereise durch Japan, im Tokioter Stadtteil Roppongi. Der Besuch des Begräbnisses ist schon aufgrund der Entfernung nicht mehr möglich; im Laufe des Textes erfährt man aber auch, dass es nicht der Hass des Vaters ist, der den Sohn vom Begräbnis fernhalten soll, sondern dessen Angst, dem Sohn könnte etwas zuleide getan werden, da dieser sich davor literarisch sehr abfällig über einige Dorfbewohner geäußert hatte. Was dann auch in diesem Buch passiert - und ab diesem Zeitpunkt war für mich die Stimmung des Textes grundlegend verändert, ich konnte die "armer verfolgter Literat" Suade nur schwer ertragen anlässlich der für mich sehr unreflektiert erscheinenden Gehässigkeiten den Dorfbewohnern gegenüber.

Den katholischen Begräbnisriten gegenübergestellt wird der Alltag des Todes im indischen Varanasi. Hierher reist Winkler auf seiner ersten Indienreise, hierher kehrt er immer wieder zurück, um sich auf den Verbrennungsstätten entlang der Ganga umzusehen und dem bunten Treiben beizuwohnen. Es ist eine interessante Vermengung der Zelebration des Todes in den unterschiedlichen Kulturen; aber irgendwie bleibt bei mir am Ende des Textes das Gefühl zurück, dass ich nach wie vor nicht genau weiß, was der Autor nun eigentlich bezwecken wollte, als hätte er sich viel vorgenommen und sich darin auf halbem Weg verloren. Diese Unsicherheit spiegelt sich für mich auch in der Sprache wieder, die einerseits sehr ausgefeilt und rhythmisch ist, mit Bildern arbeitet, die sofort einleuchten und sehr sprechend sind - und dann wieder langen nüchternen Passagen, die wiederum von Satzkaskaden abgelöst werden, die wohl beschwörend wirken sollen, mich aber eher an eine schlechte Bernhard-Imitation erinnert haben.

Vielleicht kann man diesem Buch mehr entnehmen, wenn man Winklers Schaffen über die Jahre verfolgt hat, sich mit seinen Auseinandersetzungen mit der Kindheit näher beschäftigt hat. Für mich war es das erste Buch des Autors; und hätte ich es nach der Hälfte abgebrochen, ich wäre begeistert gewesen, eine neue österreichische Stimme für mich entdeckt zu haben. In diesem ersten Teil, in dem Winkler von seiner und auch seines Vaters Kindheit berichtet, wo er das Leben auf diesem Bauernhof in einem abgeschiedenen, sehr katholischen Kärtner Dorf vor meinem Auge entstehen lässt, erschien er mir als wunderbarer Beobachter. Sobald er sich jedoch zum Richter aufschwingt, verliert sich für mich jegliche vorher festgestellte Qualität - da ist er dann nämlich nur noch geifernd und keifend, nicht besser also als jene, über die er sich erhebt.

Für mich ein ambivalenter Eindruck; ich werde es wohl noch einmal mit einem Buch versuchen, das weniger autobiographisch ist, denn dass ich es hier mit einem wortmächtigen Autor zu tun habe, ist mir an vielen Ansätzen klar geworden.

Josef Winkler

Josef Winkler wurdr am 3.3.1953 in Kamering bei Paternion in Kärnten geboren. Nach der Volksschule besucht er drei Jahre die Handelsschule in Villach. Nachdem er zunächst im Büro einer Oberkärntner Molkerei beschäftigt ist, besucht er die Abendhandelsakademie in Klagenfurt und arbeitet tagsüber im Betrieb eines Verlags, der Karl-May-Bücher produziert, seit 1971 dann in der Verwaltung der neuen Hochschule für Bildungswissenschaften in Klagenfurt. In seiner Freizeit besucht er germanistische und philosophische Vorlesungen. Seit 1982 ist Josef Winkler freier Schriftsteller. Er lebt derzeit in Klagenfurt. 2008 wurde er mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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