Alain Claude Sulzer - Privatstunden

Originaltitel: Privatstunden
Roman. Suhrkamp Verlag 2009
214 Seiten, ISBN: 3518461117

Seit der Flucht aus seiner osteuropäischen Heimat ist Leo wurzellos - er spricht die Sprache seiner Umgebung nicht, kann außer Russisch auch keine weitere Fremdsprache, mit der er sich verständlich machen könnte. Über das Hilfswerk wird er an Martha verwiesen, die ihm Privatstunden im Deutschen erteilt…

Und wie man unschwer schon aus der Konstellation erraten kann: dies ist in gewisser Weise eine Liebesgeschichte, zumindest gab es von Anfang an keinen Zweifel daran, dass die beiden Hauptfiguren dieser Geschichte auf irgendeine Weise miteinander verbunden sein würden, die weit über das Schüler/Lehrer-Verhältnis hinausgeht.

Aber gemach. Denn diese Geschichte entwickelt sich langsam. Als Leser wird man erst in die Lebensumstände der beiden eingeführt, lernt die Familie kennen, in der Leo als Gast aufgenommen wurde, besucht mit Martha den seit Jahren sprachlosen Vater im Heim, entdeckt, dass in der heilen Familiie auch ansonsten nicht alles so perfekt ist, wie es nach außen scheint, dass der Ehemann seit längerem fremdgeht, die Liebe dem Ehepaar abhanden gekommen war.

Der interessantere Teil des Romans folgt dann auch Leos Geschichte, der trotz seiner viel jüngeren Jahre mehr erlebt hat, ja, selbst ein Teil jener Romane zu sein scheint, die Martha unentwegt verschlingt. Man erfährt zwar nicht, was ihn außer der Flucht seines Bruders ebenfalls zum Aufbruch bewogen hat, noch, wie der Grenzwechsel letztlich bewerkstelligt wurde. Aber dafür erhält man ein wenig Einblick in das spartanische Leben seiner Großmutter, die nach wie vor das kleine Stück Land bewirtschaftet, das ihnen auch im sozialistischen System nicht weggenommen wurde. Hier lebt sie seit Jahren alleine, als Gesellschaft nur einen kleinen Hund; hier erhält sie auch die Nachricht von der Flucht der beiden Enkelsöhne.

Es bleibt eine kurze Episode im Leben zweier Menschen, die aber zumindest Marthas Leben nachhaltig beeinflusst hat.

Diese Geschichte ist in eine etwa 30 - 40 Jahre später stattfindende Rahmenhandlung eingebunden, verfasst von Marthas Sohn Andreas, der damals Bruchstücke der Affären seiner Eltern als Jugendlicher miterlebt und sich seinen eigenen Reim darauf gemacht hatte, und sich stets vorgenommen hatte, irgendwann das Rätsel dieser Zeit für sich zu lösen…

Diese Rahmenhandlung war für mich nicht unbedingt ein Gerüst, in das man diese Geschichte wirklich einpassen konnte; sie ganz wegzulassen wäre in meinen Augen besser gewesen.

Und auch sonst. Nachdem ich anfangs durchaus Interesse daran hatte, Leo auf seinen ersten Schritten in einer fremden Sprache zu begleiten, hat mich die Handlung, je weiter sie auf die Liebesgeschichte zu ging, immer mehr gelangweilt. Gut dargestellt fand ich, wie Leo sich ohne Sprachkenntnisse im fremden Land bewegt, welche Anstrengungen er unternimmt, sich die Sprache zu eigen zu machen. Auch die Rückblicke auf das Leben der Großmutter haben mich interessiert.

Ansonsten aber fand ich die Geschichte leider ziemlich belanglos…

Alain Claude Sulzer

Alain Claude Sulzer (* 17. Februar 1953 in Basel) ist ein Schweizer Schriftsteller. Sulzer absolvierte eine Ausbildung zum Bibliothekar und war später als Journalist tätig. Seit den Achtzigerjahren veröffentlicht er literarische Werke. 1990 nahm er am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil; achtzehn Jahre später, 2008, war er Mitglied der Jury. Sulzer lebt heute in Basel und im elsässischen Vieux-Ferrette. Er ist Verfasser von Romanen, Erzählungen, Essays und Hörspielen und Übersetzer französischer Literatur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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