Anna Katharina Hahn - Kürzere Tage

Originaltitel: Kürzere Tage
Roman. Suhrkamp Verlag 2009
223 Seiten, ISBN: 3518461583

Die hier erzählte Geschichte ist in Stuttgart angesiedelt, könnte so aber auch in jeder anderen größeren Stadt spielen, in der ein gewisses soziales Gefälle vorhanden ist. Zwischen Hochhaussiedlung und Altbauwohnung mit Parkett und Stuck an der Decke liegen oft nur wenige hundert Meter - und hier hat Anna Katharina Hahn ihren Roman angesiedelt. Sie lässt uns einige Tage lang ein paar Menschen aus diesem Wohngebiet begleiten, deren Wege sich beiläufig kreuzen.

Judith wohnt in einer dieser Luxus-Altbauwohnungen. Ihr Morgen ist gelaufen, wenn sie es nicht schafft, ihre erste Zigarette zu rauchen, bevor die Kinder wach werden und zu ihr ins Bett kommen. Denn offiziell raucht Judith nicht. Genausowenig, wie sie Psychopharmaka konsumiert. Die stehen schön getarnt als Hilfsmittel für gute Haut im Badezimmerschrank und sind noch ein Überbleibsel aus der Zeit, die ihr Mann gerne verächtlich als die "Hackstraßenmist" bezeichnet - eine Zeit, in der Judith noch Kunstgeschichte studiert hat, sich mit ihrer Magisterarbeit unendlich gequält hat und vor allem die Anrufe von Sören erwartete.

Ihr heutiges Leben sieht ganz anders aus. Ihre beiden Söhne erzieht sich nach anthroposophischen Grundsätzen, ohne Fernseher, ohne Plastikspielzeug und selbstverständlich wird nur mit Bioprodukten gekocht. Dazu passt der quadratisch-praktische Ehemann und Vater Klaus, der als Universitätsprofessor arbeitet und ausgesprochen familienfreundliche Arbeitszeiten genießen kann.

Auf diese Idylle blickt Leonie aus ihrer sicher ebenso luxuriösen Altbauwohnung, die die Familie erst vor kurzem bezogen hatte. Nur dass sie ihre beiden Töchter morgens in aller Eile in den Kindergarten bringt, um sie abends dann auf den Spielplatz zu begleiten, zu hoffen, dass ihr Mann Simon die eilig gegen ihre Businessanzüge getauschten Miniröcke zur Kenntnis nimmt, um dann abends noch rasch Tütensuppe warm zu machen. Sie ist ein bisschen neidisch auf das offensichtliche Glück von gegenüber - und doch auch wieder nicht. Denn ihre gute Ausbildung, ihre Selbständigkeit dem ausschließlichen Mutterglück zu opfern, das ginge ihr bei aller Liebe zu den Kindern zu weit. Eine Einstellung, die in ihrem alten Viertel nicht auffiel, wo der zweite Verdienst in fast allen Familien auch benötigt wurde. Aber hier, im Akademikerviertel, ist sie die Außenseiterin, die nur schwer Kontakt findet.

Im Erdgeschoß wohnt noch ein altes Ehepaar mit Hund, zu deren Wohnung eigentlich auch der Garten gehört, den nun Judith mit ihren Kindern in Beschlag genommen hat. Und gibt es da noch Nazims Laden, in dem jeder mal einkauft, auch oder weil die Preise höher sind als am Hauptbahnhof. Dort begegnet man von Zeit zu Zeit auch der alleinerziehenden Hanna mit ihrem stets kranken Sohn Mattis. Oder den Freunden von Nazims Neffen Murat, der hier ein Praktikum machen soll. Marco ist einer dieser Freunde. Der nur wenig weiter wohnt - bei seiner Mutter und ihrem Freund, von dem er seit Kindertagen verprügelt wird. Doch auch Marco hat einen Traum…

Mich haben diese Alltagsszenen sehr angesprochen. Zwar bedient sich die Autorin in der Skizzierung der Lebensmodelle durchaus einiger Klischees, gerade Judiths Wandel von Stilettoqueen zur Ökotante in Gummistiefeln, die das nur mit Stimmungsaufhellern erträgt, fand ich ein wenig zu sehr dem angebiedert, worüber man sich gerne lustig macht.

Auch der geprügelte Jugendliche, der auf die schiefe Bahn gerät ist, trotz aller Eindringlichkeit, in der seine Nöte mir in der Schilderung auch nahe gingen, sicher nicht neu.

Aber was mich richtig begeistert hat an diesem Buch war zb die Schilderung des alten Ehepaares, die so viele gemeinsame Lebensjahre hier verbracht haben, auch als Gegenpol zu so mancher weniger erfüllender, schnellebiger Verbindung, die hier außerdem gezeigt wurden. Die Passagen aus Frau Posselts Perspektive haben mich ungeheuer angerührt, ein Stück Literatur, das man auch losgelöst vom Rest des Romans als wunderbare Prosa genießen kann.

Es sind nicht nur Lebenskonzepte, sondern auch verschiedene Beziehungsmodelle - was hält die Paare aneinander, welchen äußeren Einflüssen stellen sie sich, was hält so eine Beziehung aus.

Durch die beiläufigen Begegnungen der einzelnen Protagonisten, den unterschiedlichen Blickwinkel auch, aus dem erzählt wird, wird man als Leser konfrontiert damit, wie vorschnell man oft zu falschen Schlüssen neigt, wie leichtfertig man urteilt, wie wenig hinter die Fassade blickt. Auch das ist an sich nicht neu - aber es ist in diesem Roman in meinen Augen sehr gelungen umgesetzt. Eine Empfehlung!

Anna Katharina Hahn

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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