Mary Shelley - Frankenstein. Hörspiel

Originaltitel:
Hörbuch - Roman. Lübbe Audio 2005
2 CDs, ISBN: 3785732511

Alles, was ich bislang über "Frankenstein" wusste, beschränkte sich auf ein paar Bilder von Frankensteins Monster - aber wie die Geschichte tatsächlich geht, war mir nicht bekannt. Daher war ich dann doch neugierig, als mir jetzt die 2 CDs des Hörspiels in die Hände kamen, auch wenn ich nicht unbedingt die richtige Zielgruppe für ein "Gruselkabinett" bin.

In einem kleinen Vorwort wird erwähnt, wie die damals noch sehr junge Mary Shelley überhaupt dazu kam, diese Geschichte zu schreiben - sie saßen während einer Reise in den Schweizer Bergen fest, das Wetter war grauenhaft, und die Gesellschaft hatte beschlossen, dass jeder eine Gruselgeschichte verfassen sollte. Aber nur diese eine hier wurde dann, als das Wetter wieder besser wurde, auch tatsächlich fertiggestellt.

Es beginnt mit einem idyllischen Bild. Victor Frankenstein wächst als behütetes, verwöhntes Kind auf; die zarte Elisabeth wurde, als er noch ein Kind war, ebenfalls in die Familie aufgenommen und ist wie eine eigene Tochter aufgenommen worden. Ein kleiner Bruder, William, kommt später noch dazu; Justine, die Tochter der Amme, und Victors einziger und echter Freund Henry vervollständigen die enge Gemeinschaft, auch noch, als mit dem Tod von Victors Mutter der erste Schicksalsschlag sie trifft.

Das passiert kurz vor der Abreise Victors nach Ingolstadt; dorthin will er, um zu studieren, leider alleine, da dem Kaufmannssohn Henry vom Vater das Studium der schönen Künste verwehrt wurde. Mit Feuereifer stürzt Victor sich in die Arbeit, forscht, laboriert, lernt - für nichts anderes hat er mehr Zeit, ja, er vergisst sogar, nach Hause, an seine Lieben zu schreiben.

Voll Stolz präsentiert er seinem Lehrer seine ersten Ergebnisse - er war dabei, Leben zu schaffen. Entsetzt wendet sein Lehrer sich von ihm ab, doch das hindert Frankenstein nicht, sich nach seinen ersten Erfolgen mit Tieren nun dem Einen, dem Großen, zuzuwenden: er will einen Menschen schaffen.

Und es gelingt ihm. Sein Mensch, sein Flickwerk aus unzähligen Leichen, erwacht zum Leben - und mit Schaudern sieht Victor Frankenstein, was er hier geschaffen hat - einen Riesen, ein hässliches Monster. Voll Horror vertreibt er dieses Wesen und versinkt in einem heftigen Nervenfieber.

Nach langer Krankheit wieder genesen, schafft er es im Laufe der Zeit, sein Wesen zu vergessen. Eine erste Heimkehr steht an, ein Wiedersehen mit Elisabeth, mit seiner Familie - doch noch vor der Abreise erreicht ihn die schreckliche Nachricht: sein Bruder ist tot. Ermordet, erwürgt von Händen so groß, dass man sich das Monster gar nicht vorstellen mag, der diese Tat vollbrachte. Und mit einem Ruck ist es Victor klar, wer für diese Tat verantwortlich ist: sein Monster, er selbst also eigentlich.

Doch das ist noch nicht der Ende des Schreckens: zu Hause angekommen erfährt er, dass ausgerechnet Justine, die in ihrem Haus lebte wie die eigene Tochter, dieser Tat beschuldigt wurde, da das Medaillon, das dem Jungen gewaltsam vom Hals gerissen worden war, bei ihr gefunden wird. Obwohl Elisabeth und Victor von der Unschuld des Mädchens überzeugt sind, sie auch noch einmal sprechen können, wird sie doch als Mörderin hingerichtet.

Victor ist klar, dass nur er die Macht hat, diese Quelle der Gewalt zu durchbrechen - und er macht sich auf die Suche nach seinem Geschöpf und folgt ihm in die Berge, wo er, trotz des Abscheus, den er hegt, doch gezwungen wird, sich die Geschichte seines Geschöpfs anzuhören.

Und die ist nun das wahrhaft Bewegende an dieser Erzählung: denn wie das Monster schildert, dass es doch eigentlich nicht böse sei, wie sehr es sich im Gegenteil nach Liebe, nach Anerkennung sehne, und merke, dass ihm allein wegen seines Äußeren der Hass der Gesellschaft sofort und unmittelbar entgegenschlage, das trifft in seiner herzzerreißenden Brutalität auch heute noch den Nerv des Oberflächlichen.

Er wünscht sich von Frankenstein eine Gefährtin - ebenso hässlich wie er selbst, damit er nicht allein bleiben müsse, damit auch er in seinem Leben einen Freund hätte, nachdem ja schon sein Schöpfer ihn von Anfang an verstoßen hätte. Wenn er diese Bedingung erfülle, dann würde er sich still und ruhig in die Berge zurückziehen - ansonsten aber dafür sorgen, dass Victors Lebensfreude ebenso dahin sein solle wie seine eigene.

Was dann geschieht, kann man sich wohl denken - es endet dramatisch. Und endlich habe ich auch verstanden, was diese Geschichte bis heute so aktuell hält, was ihren über simple Monsterthematik hinausgehenden Reiz ausmacht.

Die Hörspielbearbeitung fand ich wunderbar - tolle Stimmen, gut gesprochen, gut gespielt, dazu eine wirklich gelungene musikalische Untermalung; kurz und gut: ich bin wirklich sehr angetan und kann es euch allen nur empfehlen!

Mary Shelley

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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