Kay Langdale - Was das Herz weiß

Originaltitel: What the Heart Knowes
Roman. Kindler Verlag 2009
288 Seiten, ISBN: 3463405407

Nick und Jane führen eine perfekte, auf eigenen Wunsch kinderlose Ehe. Ihre Beziehung zeichnet sich durch Offenheit aus, ein großes Interesse am Leben des anderen. Und doch gibt es auch in dieser Beziehung noch Geheimnisse. Zum Beispiel hat Jane Nick nie davon erzählt, wie das Verhältnis zu ihrer Mutter wirklich aussieht. Und als er dann, als sie dement wird, vorschlägt, sie vorübergehend bei ihnen aufzunehmen, nutzt sie die Gelegenheit ebenfalls nicht. Dabei hatte sie ihr Leben lang unter der lieblosen Art der Mutter, ihren ewigen Sticheleien, gelitten. Die Pflege der alten Frau gestaltet sich aufreibend; und da Jane sich ihrem Mann in diesem Punkt nach wie vor verschließt, zieht ein Schatten über die einst so harmonische Beziehung.

Etwa zur gleichen Zeit zieht in das Haus nebenan eine alleinerziehende Mutter mit zwei kleinen Kindern. Evie wirkt zart und schutzbedürftig, Nick fühlt sich von ihrer Art angezogen; aber mehr noch als zur Nachbarin findet er Zugang zu ihrem Sohn Felix. Und das bringt sein eigenens Bild von sich als kinderfreiem Mann ins Wanken. Plötzlich erkennt er, dass er Kinder immer nur als Kleinkinder betrachtet hatte, dass er die Freuden, die sich daraus ergeben, Wissen und Gefühle weiterzugeben, gar nicht kannte. Aber auch er kann nicht mit seiner Frau darüber sprechen…

Es gibt dann noch eine höchst dramatische Wendung der Geschichte, die an dieser Stelle nicht erwähnt werden soll; aber das Grundprinzip kann man glaube ich auch schon dem ersten Teil entnehmen.

Der Beginn wird aus der Perspektive des allwissenden Erzählers geschildert, danach hat man kapitelweise einen wechselnden Ich-Erzähler. Und da liegt schon mal eines der Probleme dieses Romans begraben… diese Ich-Erzähler sind nicht nur sprachlich identisch, sie unterscheiden sich auch in ihrem Denken keine Spur. Und am allerschlimmsten ist, dass zb die zwei "Bösewichte" der Geschichte, Janes Mutter und Evies Schwester, so denken und von sich reden, dass man sofort weiß "das hier sind die Bösen". Janes Mutter Vera erzählt von ihren Niederträchtigeiten der Tochter gegenüber etc…

Aber wirklich traurig war ich darüber, dass hier ein interessantes Thema einfach so verschenkt wurde. Die Ausgangslage - also wenn eine Beziehung durch die Pflege eines Elternteils plötzlich eine unerwartete Belastung erfährt, die Zweisamkeit nicht mehr gelebt werden kann, sich auch durch das dann erreichte Alter plötzlich die Frage auftut, ob die eigene Entscheidung zur Kinderlosigkeit auch heute noch so getroffen werden würde - das alles also war für mich wirklich interessant, und die Beschreibung der Seelenzustände der Protagonisten anfangs fand ich entsprechend auch vielversprechend. Leider hat die Autorin hier das Potential ihrer eigenen Geschichte verschenkt, um dann eine Schnulze draus zu machen.

Und ab der zweiten Hälfte wird es vollendes unerträglich. Da trieft dann alles vor Kitsch... Schade

Kay Langdale

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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