W. G. Sebald - Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen

Originaltitel: Die Ausgewanderten. Vier lange Erzählungen
Roman. S. Fischer Verlag 1992
355 Seiten, ISBN: 359612056X

Es sind oft seltsame Zufälle, die dazu führen, dass der Ich-Erzähler dieses Bandes sich mit den Lebensläufen der Menschen auseinandersetzt, denen er begegnete.
Die Gründe, warum die vier hier porträtierten Männer aufbrachen in ein neues Leben, waren nicht immer in der Vertreibung durch das Naziregime zu suchen. Einige gingen schon lange davor, aus wirtschaftlichen Gründen, und hatten danach nicht mehr die Möglichkeit, zurückzukehren. Wobei die Frage offen bleibt, ob eine Rückkehr dieses Gefühl der Entwurzelung hätte heilen können.

In jeder Erzählung findet sich nicht nur ein Leben; so ist selbst bei der kurzen Erzählung um den Lehrer Paul Bereyter, der sogar kurz nach dem Krieg wieder zurück in seine allgäuer Heimat kam und dort viele Jahre unterrichtete, dann eine ganz andere Erzählung zu finden, von einem Bergführer, der in jenen Jahren vermisst wurde.

Am meisten fasziniert hat mich jedoch die dritte Erzählung, in der vom Großonkel des Erzählers, von Ambros die Rede ist. Dieser war ein weltgewandter Mann, der sich Sprachen im Nu aneignete, eine Karriere im Hotelwesen erlebte, sich mit interessanten Menschen umgab und viele Jahre als persönlicher Begleiter eines reichen jungen Mannes durch die Welt reiste. Im Alter dann aber ist diesem Mann die stoische Haltung zum Leben abhanden gekommen, er hat sich selbst in eine Nervenheilanstalt eingewiesen und sich mit Elektroschocks behandeln lassen, die ihm das Gedächtnis und letztlich auch das Leben raubten. Den Grund dafür kann der Leser nur ahnen…

Alle Erzählungen sind mit Fotos versehen, erwecken den Anschein völliger Authentizität - und diese gelebten Leben waren in ihren Details wohl auch real, nur eben auch verschiedenen Lebensläufen zusammengesetzt, was beim Lesen aber keinen Unterschied macht. Durch die Art, wie erzählt wird, wird jedenfalls ein Ausmaß an Glaubwürdigkeit erreicht, das sonst eher in Sachbüchern anzutreffen ist.

Am Herausragendsten für mich ist bei Sebald allerdings die Sprache. Direkte Rede ist seine Sache nicht, er erzählt indirekt, lässt oft zwei oder drei Instanzen ineinander verschachtelt sprechen, bricht den Text dadurch und lädt ihn mit weiteren Bedeutungsebenen auf - ein Stilmittel, das er meisterhaft beherrscht. Ihn zu lesen ist ein Genuss, auch wenn durch diese Erzählweise wenig Höhen und Tiefen im Textfluss entstehen und durch die Gleichförmigkeit im schlechtesten Fall auch eine geiwsse Gleichgültigkeit erzielt werden kann.

Für mich war es der zweite Text von Sebald, den ich zu lesen bekam - wobei ich allerdings von "Austerlitz" noch deutlich mehr beeindruckt war.

W. G. Sebald

W.G. Sebald, geboren 1944 in Wertach, lebte seit 1970 als Dozent in Norwich. Er starb am 14. Dezember 2001 bei einem Autounfall.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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