Henry James - Die Aspern-Schriften

Originaltitel: The Aspern Papers
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2005
203 Seiten, ISBN: 3423133376

Erzählt wird die Geschichte eines (jungen?) Mannes, der glühender Verehrer des Dichters Aspern ist und viel von und über ihn veröffentlicht hat. Dann erreicht ihn die Information, dass in Venedig eine steinalte Dame mit ihrer Nichte lebt, die einst ein Verhältnis mit Aspern hatte - und sich heute noch im Besitz etlicher Papiere befindet, die allerdings niemand je zu Gesicht bekommt, und an deren Veräußerung sie nicht interessiert ist.

Da dieser Mann schon weiß, dass auf direktem Weg kein Herankommen an diese Papiere oder überhaupt die Frau ist, versucht er es über einen Umweg.

Er mietet sich zu einem horrenden Preis in den halbverfallenen Palazzo der beiden Damen ein - in der Hoffnung, durch die räumliche Nähe soviel Kontakt zu erhalten, dass ganz unverfänglich dem Ziel seiner Begierde näher kommen kann.

Doch die Damen machen ihm mit ihrer Zurückgezogenheit einen Strich durch die Rechnung. Auch seine Versuche, durch prächtige Gestaltung des Gartens und durch die Blumensendungen jeden Tag kommt er ihnen nicht näher. Erst die Unterlassung ruft eine Reaktion hervor - und er darf erneut mit der alten Dame sprechen.

Dann kommt der Zeitpunkt, als es mit der alten Dame zu Ende zu gehen scheint. Mit ihrer Nichte hat er sich mittlerweile häufiger unterhalten, hat das Gefühl, in ihr vielleicht sogar eine Verbündete gefunden zu haben. Voll verhaltener Scham, und doch, durchforscht er mit heimlichen Blicken das Zimmer der Leidenden: wo könnten sich die Papiere befinden? Und hat Miss Tina ihm vielleicht doch den Sekretär aufgeschlossen, so dass er sich selbst… doch an dieser Stelle wird er überrascht, und panisch flieht er.

Bei seiner Rückkehr erfährt er, dass es nun tatsächlich einen Todesfall gegeben hat. Und dass die Nichte alles geerbt hat, ihr aber die Veräußerung der Schriften verboten wurde. Nur einen Weg gäbe es für ihn, doch noch an die Papiere zu gelangen: wenn er zum Familienmitglied würde, gewisser Maßen. Ein Ansinnen, dass ihn erneut in die Flucht schlägt, bis er dann am Morgen doch auch diesen Weg in Erwägung zieht. Doch es ist zu spät… in seiner Abwesenheit wurden die wertvollen Papiere verbrannt.

Ausgehend von einer Zeitungsnotiz hat Henry James hier die Geschichte eines modernen Fans erzählt, der alles sammelt, was sein Idol hinterlassen hat, und dafür vieles zu geben bereit ist. Wesentlich ist dabei vor allem die Art, wie es erzählt wird. Auf sehr indirektem Weg nimmt der Leser an den Versuchen teil, der Papiere habhaft zu werden. Wie der geschilderte Mann selbst verbringt man einen heißen, langweiligen Sommer in der Stadt, während alle anderen die Stadt verlassen haben. Und wartet. Auch beim Lesen spürt man diesen Stillstand, die zunehmende Unruhe, die den Erzähler erfasst. Aber man ist ihm gleichzeitig einen Schritt voraus, durchschaut, worauf die Gegenspielerinnen eigentlich hinaus wollen, während der Papierjäger davor ganz offensichtlich die Augen verschließt und mit dem Feuer spielt, das letzlich das Objekt seiner Begierde zerstört.

Wunderbar geschrieben, kurzweilig und psychologisch sehr interessant - macht auf alle Fälle Lust auf mehr James!

Henry James

Henry James (1843 - 1916)

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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