Veronique Olmi - Die Promenade

Originaltitel: La Promenade des Russes
Roman. Verlag Antje Kunstmann 2009
240 Seiten, ISBN: 3888975522

Das alte Russland am Mittelmeer - obwohl Sonja in den sechziger Jahren in Nizza aufwächst, ist es doch vor allem die russische Kultur, die sie prägt. Oder besser, der Verlust der russischen Heimat, womit sich ihre Babuschka all die Jahre nun schon abfinden muss. "Du hättest die Revolution nicht überlebt" ist dann auch immer wieder ihr abschätziges Urteil über die Enkeltochter.

Sonja verbringt viel Zeit in der muffigen Wohnung der Großmutter; ihre Mutter hält es nie lange am Ort, und ohnehin fehlt es ihr an Mütterlichkeit.

Babuschka hat Prinzipien. Dazu gehört der tägliche Spaziergang, der eiserne Wille, sich nicht gehen zu lassen. Und die Angst, eines Tages auf der Straße zu stürzen. Als genau das passiert, ist Sonja nicht da; sie kommt erst später zurück, entdeckt die Nachbarn in der Wohnung, von denen keiner ihr genaueres verraten will. Einen Arzt will Babuschka nicht kommen lassen - obowhl ihre Wunde sich täglich verschlimmert. Doch dann kommt sie doch noch ins Krankenhaus; und Sonja sieht ihre Großmutter immer weniger werden, und sucht nach einem Mittel, ihr den Lebensgeist zurückzubringen.

Wenn es etwas gibt, worüber Babuschka sich immer wieder echauffieren kann, dann ist es das Schicksal der Zarentochter Anastasia. Unzählige Briefe hat sie an den Herausgeber der Zeitschrift Historia verfasst, in denen sie ihm mitteilt, dass sie wisse, was damals wirklich passiert sei. Jeden dieser Briefe hatte Sonja sich anhören müssen - und sich dabei gelangweilt und in ihre Tagträume geflüchtet. Doch nun spürt sie: das, was ihre Großmutter nun braucht, ist jemand, dem sie diese Geschichte erzählen kann…

Mich hat dieser autobiographisch geprägte Roman sehr angerüht. Sonja, die zu Beginn ein dreizehnjähriges Mädchen ist, wird im Verlauf eines Jahres zu einer jungen Frau. Ihre erwachende Selbständigkeit ist begünstigt durch den Unfall der Großmutter.

Als Leserin habe ich dieses Mädchen durch den sehr genauen Blick, den sie auf sich und ihre Umgebung hat, kennen gelernt - ein Blick, der auch den Träumen Raum gibt, die dieses Mädchen hat, und dem Gespür für den Rhythmus einer Stadt.

Die klare und doch poetische Sprache war für mich ein Genuss zu lesen - kurzum: mein erstes Buch dieser Autorin, aber mit Sicherheit nicht das Letzte!

Veronique Olmi

Véronique Olmi, 1962 in Nizza geboren, zählt zu den bekanntesten französischen Theaterautorinnen. Mit Romanen wie "Meeresrand" und "Nummer sechs" hat sie auch in Deutschland, Österreich und der Schweiz Kritik und Publikum erobert.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Ein Mann, eine Frau
  • Nummer Sechs
  • Eine so schöne Zukunft
  • Meeresrand
  • Die Promenade
  • Die erste Liebe

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