Amelie Nothomb - Biographie des Hungers

Originaltitel: Biographie de la faim
Roman. Diogenes 2009
224 Seiten, ISBN: 325706697X

In Ozeanien liegt ein Archipel namens Vanuatu, wo der Hunger unbekannt ist. Mit diesem Satz beginnt Amelie Nothomb ihre Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend, die sie, als Tochter belgischer Diplomaten, von Japan über Peking, New York und Bangladesh und Indien schließlich nach Europa brachten.

Vanuatu kennt keinen Hunger, weil hier alles im Überfluss vorhanden ist. In Vanuatu hat sich deswegen auch kein Handwerk, keine Kunst herausgebildet; es gibt kein Begehren, da alles ja ohnehin bereit steht.

In gewisser Weise ist das auch das Leben, das das hier beschriebene Mädchen führt - alles steht ihr, der privilegierten Tochter aus gutem Haus, offen, keine Erfahrung wird ihr verwehrt. Und doch leidet sie an einem unstillbaren Hunger. In Kindheitstagen manifestiert dieser sich ganz bescheiden an Süßem in jeder Form, auch Alkohol lernt sie auf diese Weise schon früh kennen und schätzen. Es ist aber auch ein Hunger nach Liebe, nach Beachtung, nach Absolutheit, der auch durch Gewährung des Gewünschten nicht gestillt wird.

Nothomb beschreibt sich hier selbst als überdurchschnittlich begabtes und intelligentes Kind (nur übertroffen von ihrer Schwester) - was dann in Absätzen wie diesem zum Ausdruck kommt:

S. 81: Mit sieben war ich der Überzeugung, alles erlebt zu haben.
Ich rekapitulierte noch einmal, ob ich nichts ausgelassen hatte, was ein Menschenleben ausmachte: Göttlichkeit und die daraus resultierende absolute Befriedigung, Geburt, Zorn, Unverständnis, Lust, Sprache, Unglück. Blumen, die anderen, Fische, Regen, Suizid, Rettung, Schule, Absetzung, Abschied, Exil, Wüste, Krankheit, Wachstum und das damit verbundene Gefühl des Verlusts, Krieg, das berauschende Gefühl, einen Feind zu haben, Alkohol und - last but noch least - die Liebe, diesen so trefflich ins Leere geschossenen Pfeil.


Wie schon in "Die Metaphysik der Röhren" und "Mit Staunen und Zittern" beschreibt die Autorin ihre Kindheitstage, vor allem ihrer Zeit in Japan, die sie nachhaltig geprägt hat. Und wenn man vor allem die "Metaphysik" kennt, dann ist einem ein Großteil dessen, was man dann in der Biographie des Hungers liest, schon vertraut - es ist nur eine leicht abgewandelte Sichtweise auf das, worum das Schreiben dieser Autorin in meinen Augen ununterbrochen kreist: sie selbst, in all ihrer Pracht.

Mich hat das in diesem neuen Buch hier ziemlich genervt.

Amelie Nothomb

Amélie Nothomb, 1967 in Kobe geboren, hat ihre Kindheit und Jugend als Tochter eines belgischen Diplomaten in Japan und China verbracht. Nach Abschluss ihres Philologiestudiums hat sie beschlossen, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Sie lebt in Brüssel und Paris.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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