Richard Yates - Easter Parade

Originaltitel: Easter Parade
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 2008
296 Seiten, ISBN: 3442738741

Emily und Sarah wachsen in den dreißiger Jahren nach der Trennung der Eltern bei ihrer Mutter auf, die von ihnen Pookie genannt werden möchte. Geld ist immer knapp; und kaum haben die Mädchen sich an einem Ort eingerichtet und Freunde gefunden, zieht die Familie schon an den nächsten Ort. Auch dort ist die Wohnung bestimmt wieder "reizend" und hat "Flair" - Dinge, die Pookie wichtiger sind als Bezahlbarkeit und Komfort.

Ihre Töchter sollen es besser machen als sie. Sich also nicht so einen langweiligen Ehemann suchen, sondern einen interessanten Mann, einen gutaussehenden - und Sarah scheint ihr diesen Wunsch sehr rasch zu erfüllen. Dass Tony mit seinen Eltern einige Jahre in England verbracht hatte, umgibt ihn mit einem kleinen Geheimnis. Dazu seine Ähnlichkeit mit Laurence Olivier; als sie an der traditionellen Easter Parade teilnehmen, werden sie zusammen fotografiert, ein Bild, das groß in der Zeitung erscheint und als hoffnungsvoller Start in die Zukunft gewertet wird.

Dann bekommt Emily noch ein volles Stipendium für das College, das sie sich sonst nie hätte leisten können - und eine neue Welt öffnet sich ihr, voller Möglichkeiten, die bislang keiner in der Familie hatte. Sie hat gute Jobs, und auch Männer sind immer wieder in ihrem Leben zu finden: nur leider meistens nicht auf Dauer. Als Freigeist gilt sie daher in ihrer Umgebung, als eine Frau, die es wagt, mit den Konventionen zu brechen - dabei ist auch sie ganz bieder auf der Suche nach einer festen Bindung.

So begleiten wir die Schwestern über die Jahre. Der Kontakt zwischen ihnen wird immer seltener, ihre Leben scheinen ganz weit auseinander zu triften; aber auch wenn ihr Lebensunglück anderer Natur ist, als Tröster wählen beide, wie schon die Mutter, den Alkohol.

Es gibt viele Szenen in diesem Buch, die mir aufgrund der Gleichgültigkeit, mit der die Protagonisten da miteinander umgehen, richtig übel aufgestoßen sind. Da findet Sarah die Mutter in ihrer Wohnung, wo sie offensichtlich nach einem Schlaganfall schon eine Weile in ihrem eigenen Kot liegt. Der Arzt untersucht sie nur kurz, bestellt einen Krankenwagen, der erst in einigen Stunden kommt - bis dahin trifft auch Emily ein. Und dann erst, auch nur aus Scham vor dem, was diese Fremden sagen könnten, denken sie daran, die Mutter mal vom Boden aufzulesen und wenigstens notdürftig zu säubern…

Dies nur als ein Beispiel. Sarah wird von ihrem Mann verprügelt; Emiliy weiß davon, rät Sarah auch immer wieder, ihren Tony zu verlassen. Aber ihr helfen, sie eine Weile bei sich wohnen lassen? Das geht zu weit, so tief ist die Bindung nicht.

Ich hatte meine Probleme mit diesem Roman. Mal ganz davon abgesehen, dass ich die Gleichgültigkeit, mit der diese Familie aufeinander reagiert, so nicht nachvollziehen kann - es ist dadurch auch so weit von mir entfernt, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, die Protagonisten gehen mich nichts an. Zusätzlich wird in dem Buch unglaublich viel getrunken, was mich nach einer Weile nur noch gelangweilt hat. Aber vor allem: der Autor geht eigentlich nie in die Tiefe bei seinen Beschreibungen. Ich hatte den Eindruck, eine zu lang geratene Erzählung zu lesen - bei Erzählungen kenne ich diesen Effekt auf mich, sie sind mir meist zu kurz und zu sehr auf einen Einzelaspekt beschränkt.

Nachdem ich von "Zeiten des Aufruhrs" so begeistert war, hat dieser Roman meine Erwartungen nicht erfüllen können.

Richard Yates

Richard Yates (* 3. Februar 1926 in Yonkers, New York; † 7. November 1992 in Birmingham, Alabama) war ein US-amerikanischer Schriftsteller und Essayist. Als Chronist der amerikanischen Vorstädte der fünfziger und sechziger Jahre machte er sich einen Namen. Seine Werke werden mit denen von J. D. Salinger, John Updike und John Cheever verglichen. In Deutschland wurde sein Werk Anfang des Jahrtausends vor allem durch Jonathan Franzen wieder bekannt, der sich wiederholt auf ihn bezog.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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