Martin Kohan - Zweimal Juni

Originaltitel: Dos veces junio
Roman. Suhrkamp Verlag 2009
181 Seiten, ISBN: 351842078X

"Ab wieviel Jahren kann man ein Kind foltern?"
Mit dieser provozierenden Frage beginnt der Roman. Ein namenloser Rekrut liest diese Frage im Benachrichtigungsheft; er bessert noch einen Schreibfehler aus, befürchtet, dass seine eigenmächtige Korrektur Folgen haben könnte. Über die Bedeutung der Frage hingegen denkt er nicht lange nach; es ist nicht sein Verantwortungsbereich, für ihn ist nur wichtig, dass sein Vorgesetzter, der Militärarzt Dr. Mesiano, rechtzeitig von dieser Frage erfährt, sie beantworten kann.

Mesiano zu finden, ihm die Frage vorzulegen, ist nun seine Aufgabe - kein leichtes Unterfangen an einem Abend, an dem die Stadt fast ausnahmslos das WM-Endspiel gegen Italien verfolgt. Auch Mesiano hat kurzfristig Karten für das Spiel geschenkt bekommen, der Rekrut mit der Nummer 460 kann also nur versuchen, ihn vor oder nach dem Spiel vom Stadieneingang abzufangen.

Das Spiel wird verloren. Diese Nacht muss erstmal verdaut werden; ehe der gefundene Mesiano sich also zur Beantwortung der Frage bereit erklärt, zieht er mit seinem Sohn und dem Rekruten durch die Nacht.

Danach wird das Militärgefängnis aufgesucht; der Rekrut wird hinausgeschickt, ehe die Frage dann endgültig geklärt wird. Und er, der ja eigentlich mit dem System nicht viel zu tun hat, der in einem halben Jahr wieder in sein Zivilleben zurückkehren wird, wird auch noch auf andere Weise mit dem konfrontiert, was hier eigentlich geschieht...

Es ist die große Frage, die der Roman für mich stellt: wie geht jemand mit Gräueltaten um, der einem Unterdrückungssystem nicht durch Überzeugung angehört, sondern nur, gesellschaftsbedingt, "auf Zeit" - zur Ableistung des Militärdienstes, in diesem Fall. Der Rekrut erhält Einblicke in das, was hinter den verschlossenen Türen geschieht, die den meisten Menschen verwehrt bleiben. Er hat die Gelegenheit, sich auf ungefährliche Weise in ganz kleinem Rahmen zu engagieren. Nutzt er sie? Wie weit erkennt er überhaupt, was hier tatsächlich vor sich geht? Es handelt sich ja nicht um einen ungebildeten Menschen, immerhin wird er nach seiner Militärzeit Medizin studieren.

Von diesem Buch geht eine unheimliche Kälte aus. Mitgefühl, so der Eindruck, entsteht beim Rekruten nur für den Menschen, den er in gewisser Weise bewundern kann, ob diese Bewunderung nun verdient ist oder nicht - in seinem Fall den Militärarzt. Vor den anderen Ereignissen verschließt er die Augen; außerdem merkt auch er bald, welche Vorteile eine Uniform haben kann...

Das Buch ist in viele sehr kurze Absätze gegliedert; in sachlichem Tonfall wird erzählt, mal aus der Perspektive des Rekruten, dann aus der der Frau, die da im Gefängnis ein Kind zu gebären hatte. Und natürlich immer wieder unterbrochen von den Berichten über das Fußballspiel, die den Text unterbrechen, gliedern und die Dynamik bestimmen.

"Gardel starb im Juni, im Juni fielen Bomben auf die Plaza de Mayo. Für uns, die Bewohner dieses Landes, ist der Juni ein Unglücksmonat." Dieses Zitat von Luis Gusman hat der Autor dem Buch vorangestellt.

Mich hat das Buch gerade zu Beginn durch die Verquickung des Berichts über das Fußballspiel und die nicht vorstellbare Grausamkeit sehr in seinen Bann gezogen. Gegen Ende hatte ich mir ein wenig mehr erwartet, eine Erklärung, eine Entwicklung - hier blieb ich etwas ratlos zurück.

Martin Kohan

Martín Kohan, geboren 1967, lebt in Buenos Aires, wo er an der Universität Literaturtheorie unterrichtet

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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