Hanns-Josef Ortheil - Lesehunger. Ein Buch-Menu in 10 Gängen

Originaltitel: Lesehunger. Ein Buch-Menu in 10 Gängen
Erzählung(en). Luchterhand Literaturverlag 2008
200 Seiten, ISBN: 3630621538

Der Klappentext klang für einen Vielleser wie mich ausgesprochen vielversprechend und appetitanregend:

In »Lesehunger« erzählt Hanns-Josef Ortheil von seinen ausschweifenden Lese-Vergnügen, von den Ritualen und Geheimnissen des Lesens, von den Tageszeiten und Orten, die dem Lesen günstig sind und vom lustvollen Verschwinden in und dem langsamen Wieder-Auftauchen aus Büchern. »Lesehunger« ist darüber hinaus aber auch ein opulent angerichtetes Lese-Menu, das von Hanns-Josef Ortheil mit vielen Buch- und Lese-Empfehlungen angereichert worden ist und das den Leser auf raffinierte Weise zum hemmungslosen und anarchischen Lesen abseits aller literarisch schmalspurigen Kanon-Angebote verführen will. Ein Leseverführer, jenseits aller öden Empfehlungen zum literarischen Kanon.


Auch die Covergestaltung des Buches empfand ich als sehr ansprechend - voller Vorfreude habe ich also dieses Buch zu meinem bevorzugten Leseort mitgenommen (Leseorte spielen für Ortheil eine entscheidende Rolle, aber dazu komme ich gleich noch) und begonnen.
Aha. Er richtet dieses "Lesemenu" im Stil eines Gesprächs mit einer unbekannten Person namens "Besucherin" an. Hm, diese literarische Form habe ich gerade bei Wolf Haas in "Das Wetter vor fünfzehn Jahren" gelesen - der hat es wunderbar stimmig und ironisch umgesetzt. Hier dient die Besucherin nur als Stichwortgeberin, die den Schriftsteller anhimmelnd animiert, doch bitte bitte noch mehr von dem von sich zu geben, was man gerade genießen durfte. Wie man unschwer erkennen kann: ich konnte mich mit dieser Art des ungenierten Eigenlobs nicht recht anfreunden.

Zu Beginn zitiert Ortheil einige Passagen aus Büchern, die er sich wohl als Vorbilder für sein eigenes hier genommen hat. Kempowskis Tagebücher. Woody Allens Buch. Das geschieht durchaus ehrfürchtig und anregend. Nur leider hatte ich danach den Eindruck, er will es ihnen gleichtun, und die Passagen, die er danach aus seinem eigenen Lesetagebuch zitiert, sind halt doch bloß blasse Nachahmung.

Lange und ausführlich schreibt Ortheil über die Verquickung von Leseort und Lesestoff, und auch darüber, wie ein Schriftsteller sich den Raum für sein Schreiben sucht und schafft. Das wäre reizvoll für mich gewesen - wenn der Autor tatsächlich nur von sich und für sich gesprochen hätte, und nicht gleich für alle Schriftsteller bzw. eben auch Leser.

Kurzum: nach etwa einem Drittel war ich so satt von diesem Menu, dass ich die restlichen Gänge ohne mich stattfinden ließ.

Hanns-Josef Ortheil

Hanns-Josef Ortheil, geboren 1951 in Köln, lebt heute in Stuttgart. 1979 erschien sein erster Roman.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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