Philip Roth - Empörung

Originaltitel: Indignation
Roman. Hanser Literatur Verlag 2009
208 Seiten, ISBN: 3446232788

Wollte man Marcus Messner beschreiben, so fielen einem vor allem Eigenschaften wie strebsam, aufmerksam, ehrgeizig, fleißig und derlei mehr ein. Er ist seinem Vater, der in Newark eine koschere Metzgerei betreibt, ein guter Sohn, hilft seit klein auf in der Metzgerei mit, drückt sich auch nicht vor den unangenehmen Aufgaben wie Hühner ausnehmen oder - auf offener Straße, in Blickweite der Schulkameraden - die Fetttonnen auszuwaschen.

Nach der Highschool besucht er ein College in der Stadt, arbeitet weiter bei seinem Vater - es bedarf schon einigen Drucks, um ausgerechnet ihn aus dieser heilen, vorgezeichneten Welt, in ein protestantisches College weit weg vom Elternhaus zu verfrachten.

Ausgerechnet der Vater selbst, seinem Sohn in jungen Jahren Vorbild und Freund, treibt den Sohn mit seiner übergroßen Vorsicht und erdrückenden Verdächtigungen außer Haus. Auch wenn Marcus ihm nie Anlass gegeben hat, an seiner Ehrlichkeit zu zweifeln, stellt der Vater plötzlich in Frage, ob die Abwesenheit des Sohnes tatsächlich mit Bibliotheksbesuchen erklärlich ist, oder ob er sich nicht doch in Billardsalons oder noch schrecklicheren Etablissements herumtreibt.

Wir schreiben die fünfziger Jahre, die sexuelle Aufklärung ist noch in weiter Ferne, viel näher ist der drohende Schatten, eine Einberufung in den Korea-Krieg zu erhalten. Marcus hat den Ehrgeiz, auch hier in der Ferne sein Studium so rasch wie möglich voranzutreiben, um, falls er einberufen wird, nicht als Kanonenfutter zu enden sondern gehobenen Dienst leisten zu können. Konsequent lehnt er Zerstreuungen ab, die ihm angetragen werden; als die Situation mit seinen nachtaktiven Zimmergenossen ihm zu viel wird, kümmert er sich um ein anderes Quartier, doch auch hier hält es ihn nicht lange.

Die einzige wirkliche Ablenkung von seinem Weg ist die Begegnung mit Olivia, die ihm schon beim ersten Date einen bläst. In einer Zeit, in der es schon als verrucht gilt, seine Hand unter den Büstenhalter eines Mädchens zu schummeln, ist diese Erfahrung für den Jungen überwältigend.

Ausgerechnet seine Zielstrebigkeit aber, seine Weigerung, am Sozialleben des College teilzuhaben, bringt ihn in Schwierigkeiten. Vieles wäre er bereit zu schlucken, doch diese empörende Ungerechtigkeit, die dahinter steckt, bringt Marcus so in Rage, dass er am Ende tatsächlich zum Kanonenfutter wird...

Wenn ich auch anfangs etwas Probleme mit der Erzählperspektive hatte - Marcus erzählt quasi vom Totenbett aus seine Geschichte - so haben mich doch vor allem die Details in diesem Roman gefesselt. Ich konnte die Empörung, die Marcus bei den beiden Gesprächen mit dem Dean empfindet, nur zu gut nachvollziehen - er wird hier in eine Schublade gesteckt, in die er nicht passt. Seine aufgeklärte Einstellung, sein Freiheitswille, widerspricht den Zwängen, denen er sich hier unterordnen soll. Warum zum Beispiel ist es für einen Studenten an einer staatlichen Schule Pflicht, am Gottesdienst teilzunehmen, zumal dann, wenn man einer anderen Religion angehört?

Ich habe diesen Teil des Romans durchaus auch als Kritik am zunehmenden Einfluss der Kirchen in den USA verstanden.

Kurzum: ich habe auch diesen Roman von Philip Roth gerne und mit Gewinn gelesen.

Philip Roth

Philip Roth, geboren am 19. März 1933 in Newark/New Jersey, studierte an der Bucknell University in Lewisburg / Pennsylvania und graduierte 1955 an der Universität Chicago zum Master of Arts für englische Literatur. Er erhielt mehrere literarische Auszeichnungen, zuletzt den Pulitzer-Preis für seinen Roman "Amerikanisches Idyll".

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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