Yael Hedaya - Eden

Originaltitel: Eden
Roman. Diogenes 2008
970 Seiten, ISBN: 3257066384

Eden heißt das Dorf, in dem die Protagonisten dieses Romans leben. Einst ein Moschaw, eine von osteuropäischen Einwanderern gegründete ländliche Siedlung, ist es nun längst ein angesagter Wohnort geworden für wohlhabende Israelis, denen das Leben in Tel Aviv oder Jerusalem zu gefährlich geworden war. Außerdem ist es für Kinder doch viel schöner, am Land aufzuwachsen, nicht wahr?

Wenn Dafna und Eli denn nur schon mal wenigstens ein Kind hätten. Doch trotz aller mühseligen, strapaziösen, belastenden und nicht zuletzt auch teuren Versuchen der modernen Reproduktionsmedizin sind sie nach wie vor kinderlos. Ein Los, mit dem Eli sich mittlerweile zu arrangieren scheint, wie Dafna bekümmert feststellt. Sie entwickeln sich auf unterschiedlichen Wegen, ihre Ehe verkümmert immer mehr. Dass Eli seit einiger Zeit ein Verhältnis mit der erst sechzehnjährigen Ronny hat, spielt dabei sicher auch eine Rolle.

Ronny ist Marks Tochter aus erster Ehe. Ihre Mutter lebt wieder in Amerika; als Mark zum zweiten Mal heiratete, hat er das Mädchen wieder zu sich nach Israel geholt. Aber auch die Beziehung zwischen Mark und Alona ist, trotz zweier kleiner Kinder, nicht mehr aufrecht; sie leben getrennt, jedoch nach wie vor in gutem Einvernehmen.

Es gehört ihren Grundsätzen, Ronny mit wenigen Einschränkungen groß werden zu lassen, sie selbst entscheiden zu lassen, ihr zu vertrauen. Davon, dass Ronny nach der unglücklichen Liebe zum (von Alona lektorierten) Jungautor Uri sich hauptsächlich mit älteren, verheirateten Männern zu immer wilderem Sex trifft, haben die Beiden allerdings keine Ahnung.

Und somit wäre der Großteil des Personals dieses umfangreichen Romans in den Grundzügen grob skizziert - ein Roman, der sich hauptsächlich um die Beziehungen zwischen Paaren, Eltern & Kindern dreht, als nicht unwesentlichen Hintergrund aber die politische Situation in Israel mit einbezieht.

Mich hat die Autorin dabei vor allem damit gefesselt, wie sie die Gefühlswelten ihrer Protagonisten für mich lebendig werden lässt. Die einzelnen Kapitel werden jeweils aus der Sicht eines der Beteiligten geschildert, wobei durchaus redundant erzählt wird und man als Leser verschiedene Varianten eines Ereignisses miterlebt. Dabei mag man der Autorin zwar vorwerfen, in ihrer Sprache - bis auf die Ausnahme der in pubertärem Weltschmerz verhafteten Ronny - wenig Unterschiede spürbar zu machen, doch hat mich das beim Lesen nicht gestört.

Ob man nun mit Dafna auf der privaten Ebene mit dem Thema unerfüllter Kinderwunsch hadert, oder mit ihr die Ernüchterung erlebt, die sie auch auf beruflicher Basis erlebt, wo sie sich in der Friedensbewegung engagiert, oder aber mit ihrem Mann Eli den Kick erlebt, plötzlich mit einem jungen Mädchen zu ficken - Hedaya schafft es, sogar für Eli in diesem Zusammenhang Verständnis vom Leser zu erheischen, wenn auch wohl keine Zustimmung.

Besonders hat mich aber das Verhältnis zwischen Alona, Mark und den beiden kleinen Kindern berührt. In detaillierten Beobachtungen lässt die Autorin nicht nur den Alltag bildhaft werden, sondern bringt auch die Zweifel, Ängste und das schlechte Gewissen auf eine Weise zum Ausdruck, die bei mir zumindest dazu geführt haben, dass ich vieles beim Lesen als sehr wirklichkeitsnah nachvollziehen konnte.

Ein sehr, sehr privater Roman ist das also, es geht fast ausschließlich um Beziehungsnuancen, und bis auf das letzte Kapitel (das mir ehrlich gesagt am wenigsten gefallen hat) "passiert" im eigentlichen Sinne auch incht viel.
Von meiner Seite jedenfalls eine Empfehlung!

Yael Hedaya

Yael Hedaya wurde 1964 in Jerusalem geboren. Sie studierte Philosophie und Anglistik in Jerusalem und Kreatives Schreiben in New York. Heute arbeitet sie als Journalistin für verschiedene israelische Zeitschriften und wohnt in Tel Aviv.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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