Edward St. Aubyn - Schöne Verhältnisse

Originaltitel: Never Mind
Roman. Heyne Verlag 2008
188 Seiten, ISBN: 3442737915

Willkommen bei der Familie Melrose. Eine wunderbare Familie: der Vater, David, wollte einst Pianist werden, hat dann Medizin studiert. Ausgeübt hat er seinen Beruf allerdings nie. Schließlich hat er reich - wenn auch unter seinem Stand - geheiratet. Eleanor beschäftigt sich hauptsächlich damit, wann und wo sie zum nächsten Drink kommt, und welche Tabletten sich dazu gut machen würden. Um den fünfjährigen Sohn Patrick kümmert sich im besten Fall keiner - denn wenn er mal Aufmerksamkeit erregt, dann kann man sich eigentlich nur wünschen, er wäre weiter unsichtbar geblieben.

An diesem beliebigen Sommertag in der Villa werden abends Gäste erwartet. Ein Tag, den David damit totschlägt, dass er Ameisenvölker ertränkt, und sich zwischendurch der Erziehung seines Sohnes widmet. Erziehung steht bei ihm unter der Maxime, man solle später froh sein, die eigene Kindheit überlebt zu haben. Doch an diesem Tag treibt er es mit seiner Grausamkeit noch weiter als bisher; ein Fakt, den er für sich selbst so konstatiert:

Beim Mittagessen hatte David das Gefühl, dass er es mit seiner Verachtung für die Prüderie der Mittelschicht vielleicht ein wenig zu weit getrieben hatte. Nicht einmal an der Bar des Cavalry und Guards Club konnte man mit homosexuellen, inzestuösem Kindesmissbrauch prahlen und auf ein geneigtes Publikum hoffen.


Das war dann der Punkt, an dem ich mir endgültig sicher war: dieses Buch hat keinen Anspruch darauf, Platz in meinem Bücherregal verschwenden zu dürfen. Dabei war diese Szene der Vergewaltigung von der Art der Schilderung eine der wenigen, die mir wirklich Achtung vor der Kunst des Schreibers abgerungen hat, weil hier Bilder gewählt wurden, die die Unerträglichkeit der Situation nicht verbrämen, ohne sich an Details zu waiden.

Es wird eine Gesellschaft gezeigt, in der man nur dann dazugehört, wenn man sich unbarmherzig erniedrigen lässt - und das auch noch genießt. Willkommen in der High Society.

Von vielen Kritikern wurde diesr Roman sowohl als stilistisch brilliant als auch rabenschwarz-humorig bezeichnet. Witzig, humorvoll, war für mich an diesem Buch aber rein gar nichts. Tut mir leid, aber darüber, wie hier Menschen auf alle mögliche Weise gedemütigt werden, kann ich einfach nicht lachen. Und stilistisch?

"Sein breit grinsender Mund war zugleich grob und gefühllos. Wenn er zu lächeln versuchte, konnten sich seine violetten Lippen nur krümmen und kräuseln wie ein modriges Blatt, das ins Feuer geworfen wird." ist nur eines von vielen Beispielen der Sprache, die ich persönlich einfach nur übertrieben und so überzeichnet empfinde, dass es mir keinen Spaß mehr macht.

Aber am schlimmsten fand ich die völlige Abwesenheit von Sympathie des Autors zu seinen Figuren. Nun mag man einwerfen, dass es ja wohl stark autobiographisch geprägt sei, und somit zu viel verlangt. Und auch, dass es ja eben auch ein Stilmittel sei, diese völlige Kälte in diesem Buch. Nur: ich mag Bücher nicht, in denen man sich darauf beschränkt, nur menschenverachtend und zynisch zu sein.

Gegen Ende des Romans findet dann, nach viel zu viel bösartigen Hintergrundgeschichten, tatsächlich das Abendessen statt. Die Dialoge bei diesem Abendessen hätten mich unter Umständen, für sich genommen, noch als bösartige Sartire unterhalten können. Zu dem Zeitpunkt war mein Ekel insgesamt aber schon zu groß. Dieses Buch wird bestimmt nicht mein Bücherregal verschandeln - das mag ich nicht länger im Haus haben.

Edward St. Aubyn

Edward St. Aubyn wurde 1960 geboren und wuchs in England und Südfrankreich auf. Er ist Vater zweier Kinder und lebt in Notting Hill, London.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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