Michael Ondaatje - Divisadero

Originaltitel: Divisadero
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2009
288 Seiten, ISBN: 3423137436

Sie wachsen auf, als wären sie Geschwister - Anna, Claire und Cooper. Dabei ist nur Anna das leibliche Kind ihres Vaters; die Mutter ist kurz nach der Geburt gestorben, und aus dem Krankenhaus hatte er dann auch noch ein zweites Waisenkind, Claire, auf die abgelegene Farm mit. Der ein paarJahre ältere Cooper lebt da schon seit ein paar Jahren, seit seine Familie ermordet wurde. Als die Mädchen in die Pubertät kommen, verlieben sich beide in den wortkargen Coop; mit Anna beginnt er ein Verhältnis, das eines Abends jäh gestört wird, als ihr Vater sie entdeckt, Coop fast totprügelt und von Anna nur durch Gewalt davon abgehalten werden kann.

Das ist das Ende der ungewöhnlichen Familienkonstellation. Anna flieht noch am selben Abend; Coop verschwindet ebenfalls, nur Claire bleibt.

Coop beginnt, berufsmäßig Karten zu spielen, zu betrügen, lässt sich mit gefährlichen Frauen ein und verliert darüber fast sein Leben. Es ist ausgerechnet Claire, die ihn findet, die ihn rettet.

Anna studiert Literatur, sie zieht nach Südfrankreich, wo sie im Haus des französischen Schriftstellers Lucien Segura lebt und über ihn schreibt. Immer stärker verliert sie sich in dessen Welten; und als Bindeglied fungiert Raphael, der Segura als Kind noch gekannt hatte.

Für mich waren es gerade die Schilderungen von Seguras Leben, von Raphaels Kindheit, die mich dann mit dem Buch versöhnt haben. Da kommen sie wieder, die poetischen Bilder, die kargen Beschreibungen, die nun mal besser zum Beginn des 20. Jahrhunderts passen als zum Ende.

Und immer wieder taucht das Motiv der Liebe aus, die aus geschwisterähnlichem Verhältnis entsteht; bei Anna und Coop, bei Lucien und Marie-Neige, bei Luciens Tochter...

Das erste Drittel des Romans, das um Anna, Claire und Coop kreiste, hat mich sehr enttäuscht. Ich fand darin weder die Sprache wieder, die ich an Ondaatje schätze, noch konnte ich mit der Geschichte an sich etwas anfangen. Ich habe zwei Anläufe gebraucht, um über diese Passage überhaupt hinwegzukommen, und habe mich auch mit Coops Geschichte sehr schwergetan: sie hat mich einfach nicht interessiert.
Anders sah das dann aus, als Raphael von der Beziehung seiner Eltern erzählte, die zwar durchaus etwas märchenhaft-kitschiges hatte, in der man aber auch Fragmente aus anderen Romanen wieder finden konnte (der Hühnerdieb...). Und dann Luciens Geschichte selbst, die Kindheit, die Nähe zum Stiefvater, die Huldigung des Handwerks, die Liebe zur Literatur, die ihn mit Marie-Neige verbindet.

Aber jede Geschichte bleibt nur Fragment; immer noch mehr und noch mehr Figuren tauchen auf, ihre Geschichte wird angedeutet, um dann einfach abzubrechen. Nun kann man das gewiss als literarisches Stilmittel betrachten, das die Wirklichkeit abbildet, denn auch da streift man ja viele Schicksale nur. Es gibt wunderschöne Sätze in dem Buch, beeindruckende Szenen (für mich vor allem eben im letzten Teil) - aber der Gesamteindruck ist doch enttäuschend. Mir fehlte einfach die Möglichkeit, mich zumindest auf eine dieser Figuren wirklich einlassen zu können.

Michael Ondaatje

Michael Ondaatje, geboren 1943 in Sri Lanka, ist holländisch- tamilisch- singhalesischer Abstammung. Nach seiner Ausbildung in England ging er 1962 nach Kanada, wo er heute noch lebt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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