Stewart O´Nan - Alle, alle lieben dich

Originaltitel: Songs for the Missing
Roman. Rowohlt Verlag 2008
416 Seiten, ISBN: 3499254255

Ein junges Mädchen verschwindet an einem sonnigen Nachmittag. Eben noch war sie mit Freunden baden gewesen, gleich sollte sie zu arbeiten beginnen und taucht dort nie auf. Doch erst am nächsten Tag wird sie wirklich vermisst, machen die Eltern, die Freunde sich auf die Suche - vergeblich.

Soweit klingt der Inhalt wie von einem Krimi oder Thriller. Doch die Suche nach dem Mörder oder Ähnlichem ist es nicht, was Stewart O`Nan in diesem Buch antreibt.

Er schildert - sehr nüchtern und wertungsfrei - wie sich das Leben derer ändert, die Kim gekannt und geliebt haben. Die Eltern gehen auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Verlust um. Nach der ersten Zeit, in der der Vater aktiv die Suche koordinieren konnte, Suchtrupps entlang der Straßen organisieren etc, ist es vor allem Kims Mutter, die dafür sorgt, dass immer wieder Aktionen gestartet werden. Mit Fernsehauftritten, Pressearbeit, Plakatentwürfen, Radiospots, versucht sie, ihre Tochter dem Vergessen zu entreißen.

Lindsay hingegen, Kims Schwester, hatte sich schon darauf gefreut, nach diesem Sommer nicht mehr im Schatten der schönen Schwester zu stehen. Kim sollte schließlich ans College wechseln, die Stadt verlassen. Und nun? Jeder, der sie ansieht, vergleicht sie mit ihrer Schwester, hat das Drama im Sinn, das ihre Familie belastet.

Kims Freunde, die zum Teil schon seit Jahren bei Kims Familie aus und ein gegangen waren, sehen sich plötzlich ausgeschlossen. Die Eltern sind schockiert, als sie entdecken müssen, dass ihre Tochter Geheimnisse hatte, in Dinge verstrickt war, die sie nie gutgeheißen hätten.

O´Nan hat hier keinen reißerischen Krimi oder Ähnliches geschrieben. Ihn interessiert, wie der Alltag weiter geht, wie es Menschen gelingt oder auch nicht, mit solchen Schicksalsschlägen fertig zu werden. Dabei wird er nicht pathetisch, er erzählt nüchtern und dabei doch empathisch.

Ich habe diesen Roman sehr gerne gelesen.

Stewart O´Nan

Stewart O´Nan wurde in Pittsburgh geboren und wuchs in Boston auf. Er arbeitete als Flugzeugingenieur und studierte in Cornell Kunst. Heute lebt er mit seiner Frau uns seinen zwei Kindern in Avon, Connecticut. Für "Engel im Schnee" 1993 erhielt er den William -Faulkner - Preis.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©15.02.2009 Daniela Brezing - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing