Jens Johler - Kritik der mörderischen Vernunft

Originaltitel: Kritik der mörderischen Vernunft
Krimi. Ullstein Verlag 2008
544 Seiten, ISBN: 3548269540

Dr. Richard Troller, Wissenschaftsjournalist, und Jane Anderson, Kriminalreporterin, sind manchem Leser vielleicht schon aus dem Wissenschaftskrimi "Gottes Gehirn" bekannt. Eines aber gleich vorweg: die Romane bauen nicht aufeinander auf, es wird nur manchmal auf eine - wie ich finde - recht nette Art im Roman ironisch zitiert, dass es einen Vorgänger gibt.

Während Jane beruflich in London ist, erhält Troller in Berlin eine kryptische Mail von einem unbekannten Absender, der sich selbst als "Kant" bezeichnet. Darin wird ein Mord an Deutschlands führendem Hirnforscher angekündgt, der zu Trollers Entsetzen auch tatsächlich ausgeführt wird. Und nur wenig später erhält ein weiterer Hirnforscher eine Paketbombe zugesandt.

Während die offiziellen Ermittlungen noch im Dunkeln tappen, die Verdachtsmomente sich vor allem auf extreme Tierschutzvereinigungen richten, betrachten Troller und die zurückgekehrte Jane es, dank der Mails, von einer anderen Seite: dem Mörder scheint es vor allem um eine moralische Aussage gehen. Hatten doch die Beiden, und auch der Wissenschaftler, der wenig später ebenfalls ermordet aufgefunden wird, vor nicht allzulanger Zeit ein Manifest unterzeichnet, in dem sie dem Menschen den freien Willen absprechen und sich für eine entsprechend abgeänderte Strafgesetzgebung aussprechen.

Für Troller liegt das Motiv irgendwo in der Arbeit dieser Hirnforscher begründet. Schon einige Jahre davor hatte er ja auch selbst in seinem Buch "Der Terror der Wissenschaften" davor gewarnt, dass bei der Forschung moralische Komponenten viel zu wenig beachtet würden. Sein Buch war ein grandioser Misserfolg. Doch einer hatte es offensichtlich gelesen: der Mörder, der sich Kant nannte, hinterlies an jedem Tatort ein Zitat aus Trollers Werk.

Während Troller dadurch plötzlich selbst im Mittelpunkt der polizeilichen Ermittlungen steht, findet Jane eine weiter brisante Quelle: die Opfer waren alle auf dubiose Weise mit einer Firma verbunden, die großes wirtschaftliches Interesse daran hat, dass die Forschungen nicht nur weitergeführt, sondern auch entsprechende Konsequenzen daraus gezogen werden: mittels Hirnscans potentielle Verbrecher schon vor einer Tat auszusondern, um nur ein Beispiel zu nennen...

Natürlich gibt es auch in diesem Krimi die persönliche Komponente; die Beziehung zwischen Troller und Jane steht auf dem Prüfstand, und auch das Verhältnis zu seiner Tochter Sarah müsste er, sollte er Zeit haben, neu überdenken. Das ist zwar ganz nett zu lesen, und im Gegensatz zu "Gottes Gehirn" auch durchaus ansprechend geschildert, aber für mich waren diese Passagen Nebensächlichkeiten.

Grandios ist Johler in meinen Augen da, wo er die modernen Wissenschaften philosophisch hinterfragt. Ein kurzer Abriss über Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte gehört da ebenso dazu wie gründlich recherchierte Informationen darüber, was technisch heute tatsächlich schon möglich ist. Toll fand ich an dieser Stelle den Anhang, in dem der Autor erläutert, welche Schlussfolgerungen er hinzuerfunden hat und welche Ergebnisse man auch selbst nachprüfen kann. In diesem Anhang merkt der Autor auch an, dass er in der Mitte des Buches einen Hänger hatte - einen ähnlichen Eindruck hatte ich beim Lesen auch. Es gab einen Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, der Autor weiß selbst nicht mehr so genau, worauf er eigentlich hinaus will.

Ich habe mich während des Lesens faszinieren lassen davon, wie sich Wissenschaft und Menschenbild in den vergangenen Jahrhunderten gegenseitig beeinflusst haben - und welche Auswirkungen möglich sind, wenn die Forschungen weiter betrieben werden. Johler macht klar, welche Zusammenhänge bestehen zwischen einer Gesellschaft, die aus Angst und Unsicherheit Kontrollen zustimmt, deren Auswirkungen der Einzelne gar nicht übersehen kann.

Für mich war es eine ausgesprochen lohnende, interessante Lektüre - weniger des Krimiplots wegen, das hat man anderswo auch schon gelesen, sondern weil man hier auf einen Roman trifft, der ein gesellschaftspolitisch relevantes, brisantes Thema aufgreift und es auf ansprechende, verständliche Weise dem Leser darbietet.

Jens Johler

Jens Johler, 1944 in Neumünster geboren und in Hamburg aufgewachsen, machte zunächst eine Ausbildung zum Schauspieler an der Münchner Otto-Falckenberg-Schule und war drei Jahre lang Schauspieler an den Städtischen Bühnen Dortmund. Danach studierte er Volkswirtschaftslehre an der FU Berlin und war anschließend als wissenschaftlicher Assistent tätig. Seit 1982 ist er freier Autor und lebt in Berlin.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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